[Rezension] Catherine Lacey: „Niemand verschwindet einfach so“


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Catherine Lacey / „Niemand verschwindet einfach so“ (engl. „Nobody is ever missing“)
ins Deutsche übersetzt von Bettina Abarbanell
Aufbau Verlag, 18. August 2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 266 Seiten, 22,00€

Inhalt

Elyria löst ein One-Way-Ticket nach Neuseeland und verlässt ihren Mann, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. In Neuseeland angekommen, setzt sie sich immer riskanteren und surrealer werdenden Begegnungen mit den Einwohnern und der Tierwelt aus. Doch ihre eigentliche Reise ist die Reise in ihr eigenes Herz der Finsternis. Verfolgt vom Tod der Schwester, ausgestoßen von der Mutter, zermürbt von der Eintönigkeit ihrer Ehe, droht Elyria an ihren eigenen Gedanken verlorenzugehen. Auf fast hypnotische Weise beschreibt Catherine Lacey eine Frau, die verrückt wird, allein durch sich selbst. Doch niemand verschwindet einfach so, egal wie sehr er es versucht.

Meine Meinung

„Niemand verschwindet einfach so“ ist das in Amerika sehr gefeierte Debüt der Autorin Catherine Lacey, das einen unweigerlich mit sich zieht, in einen bestialischen Strudel aus Melancholie, Verstörung und Depressionen. Ich hatte eine ähnliche Geschichte wie in „Eine englische Ehe“ von Claire Fuller erwartet und auch wenn es einige Parallelen gab, ist dieser Roman doch um ein Wesentliches düsterer und ernüchternder als der eben genannte.

Elyria ist Ende 20, mit einem älteren Mann, der als Professor an der Uni lehrt, verheiratet und hat genug von ihrem Leben, sieht keinen Sinn und keine Erfüllung darin und so beschließt sie, ihre Heimat, die USA, zu verlassen und löst ein One-Way-Ticket nach Neuseeland. Einen richtigen Plan hat sie nicht, aber die Adresse eines Bekannten, den sie aufsucht, aber bei dem sie auch nicht das findet, was sie sich erhofft hat – wobei man beim Lesen das Gefühl nicht los wird, dass die Protagonistin selbst nicht so recht weiß, was sie eigentlich will. Der Roman enthält nur wenige Dialoge, vielmehr lauschen wir fast ausschließlich Elyrias Gedanken. An dieser Stelle zeigt sich definitiv das Talent der jungen Autorin zu schreiben, denn verschnörkelt, in ellenlang verschachtelten Sätzen und dennoch unfassbar authentisch und präzise und an einigen Stellen sehr originell und poetisch legt sie uns Elyrias gesamtes Gefühlsleben vor die Füße. Elyria erzählt nicht nur, wie sie sich im Moment fühlt und was sie denkt, sondern schildert auch ihre Vergangenheit, beschreibt das Verhältnis zu ihrer Familie, zu ihrem Mann, zu sich selbst und zum Leben. Oftmals bin ich zwar nicht viel schlauer aus diesen Monologen herausgegangen, aber sie stimmten mich dennoch sehr schwermütig und auch nachdenklich.

„Ich setzte mir den Rucksack auf, ging eine Gasse entlang, stellte den Rucksack ab, kauerte mich davor und erlebte einen beinahe menschlichen Augenblick. Mir war, als wäre ich ganz nah dran, ein vernünftiger Mensch zu sein, mit in der Kehle gluckerndem Schleim und rot angelaufenem Gesicht. In dieser Situation würde sich jede vernünftige Person verletzt und verloren fühlen, und dieses Gefühl des Verletzt- und Verlorenseins würde sie dazu bringen, etwas ganz Reales zu tun, ganz real zu weinen.“ – Seite 136

Sowieso vermittelt der Roman einen sehr verlassenen, in sich gekehrten Eindruck. Elyria fühlt sich nirgends zugehörig und möchte am liebsten verschwinden, aber dass das nicht geht, wird ihr im Laufe der Geschichte bewusst. Anfangs bewunderte ich sie noch für ihren Mut, ihr gesamtes Leben hinter sich zu lassen und in einem anderen Land neu anzufangen, aber früher oder später hatte ich nur noch Mitgefühl für die Protagonistin, weil so glasklar war, dass sie unter ihrer Vergangenheit und auch ihrer Gegenwart litt, schwer depressiv war und dass sie eigentlich nur versuchte, vor dem allen davonzulaufen, aber dass ihr das nicht gelang, weil sie letztendlich realisiert, dass sie – so pathetisch das auch klingen mag – nicht vor sich selbst fliehen kann und immer die Person sein wird, die sie nun mal ist.

Catherine Lacey ist es unglaublich gut gelungen, diese inneren, teils sehr brutalen Konflikte einer depressiven Person aufzuschreiben. Auch wenn nicht eindeutig klar wird, woher die Krankheit bei Elyria rührt, gibt es doch einige Erklärungsansätze, die aber keinesfalls als solche dargelegt werden. Gerade wegen dieser schweren und bedrückenden Atmosphäre des Romans und den pessimistischen Gedanken der Protagonistin, ist dies sicher kein Roman, der jedermann begeistern wird. Der Schreibstil ist in meinen Augen grandios, aufgrund der vielen Metaphern und der komplexen und unübersichtlichen Gedanken Elyrias aber sicherlich nichts für jeden – da muss wohl oder übel ein Blick in die Leseprobe geworfen werden, um zu schauen, ob der Stil einen anspricht oder eher anstrengt.

„[…], und es spielte keine Rolle, wie gut oder schlecht ich meinen eigenen Schlamassel zu verstehen glaubte, denn was immer ich tat, aus meinem eigenen Leben wäre ich nie verschwunden, dabei war es das, was ich die ganze Zeit gewollt hatte, vollständig verschwinden, doch eben das würde mir nie gelingen – niemand verschwindet einfach so, niemand hat diesen Luxus je gehabt oder wird ihn je haben.“ – Seite 197


Auch wenn „Niemand verschwindet einfach so“ mich etwas ratlos zurückließ und gerade gegen Ende des Buches etwas ziellos wirkte, hat mich die beklemmende Gedankenwelt von Elyria doch auf seltsame Art und Weise für sich gewinnen können und ich habe insbesondere den bildlichen und sehr stimmungsvollen – wenn auch pessimistischen – Schreibstil sehr genossen. Ich bin wirklich sehr gespannt, was es zukünftig noch von Catherine Lacey zu lesen geben wird! 4/5

6 Kommentare zu „[Rezension] Catherine Lacey: „Niemand verschwindet einfach so“

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  1. Danke für deine Meinung zum Buch! Die Geschichte und der Schreibstil klingen sehr interessant, auch wenn ich nicht weiß, ob das wirklich was für mich ist. Trotzdem hast du mich neugierig gemacht. :)

      1. Gerade wegen des doch sehr verschachtelten Stils und der beklemmenden Stimmung finde ich, dass es kein Buch ist, das man mal eben in einem Rutsch durchlesen kann, auch wenn es nicht besonders dick ist. Ich selber hab es innerhalb von 3-4 Tagen gelesen. :)

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