[Rezension] Sina Pousset: „Schwimmen“


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Sina Pousset / „Schwimmen“

Ullstein fünf, 08.09.2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten, 18,00€

Inhalt

Milla und Jan kennen sich seit Kindertagen. In einem heißen Sommer fahren sie gemeinsam mit Jans Freundin Kristina ans Meer. Drei Tage lang schweben sie zwischen Angst, Liebe und Sehnsucht. Bis sich alles bei einem heftigen Gewitter katastrophal entlädt. Jan überlebt nicht. Vier Jahre später sind Milla und die kleine Emma an einem kalten Morgen durch die große Stadt unterwegs. Da findet Milla etwas, das sie an Jan erinnert und stellt sich endlich der Vergangenheit. Ein Roman voller zarter Melancholie und berührender Bilder, die einen nicht mehr loslassen.

Meine Meinung

Es gibt Bücher, bei denen liest man nur den ersten Satz und man weiß einfach schon, dass man dieses Buch lieben wird, ganz einfach. Es ist der Tonfall, die Wortwahl, die Atmosphäre, die ein Autor bzw. eine Autorin bereits in wenigen Worten vermittelt und die einen spüren lässt, dass man ein ganz besonderes Buch in den Händen hält. Als ich den ersten Satz von „Schwimmen“ las, wusste ich einfach sofort, dass mir da ein ganz besonderes, ein zartes und ein melancholisches Buch in den Schoß gefallen ist und dieses Gefühl hat sich von Seite zu Seite noch um ein vielfaches verstärken können.

Dabei ist die Geschichte vermutlich gar nicht mal so ausgefallen. Es geht um Trauer und Verlust und das Verarbeiten eines Todesfalles, es geht um das Erwachsenwerden, um Träume, Wünsche und Hoffnungen, aber es geht auch um Freundschaft und Liebe, eine Dreiecksbeziehung, um Sehnsucht und Eifersucht. So viele Gefühle und Gedanken verpackt Sina Pousset in ihrem Debütroman, aber trotz allem wirkt ihre Sprache sehr reduziert und außergewöhnlich; die Autorin hat, obwohl sie noch so unfassbar jung ist, einen ganz eigenen Stil, der möglicherweise nicht dem Geschmack jeden Lesers entspricht, da er relativ anspruchsvoll und fordernd ist, dafür aber definitiv Wiedererkennungswert besitzt. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass Sina Pousset ausschließlich im Präsens und ihre Dialoge ohne Anführungszeichen schreibt, was anfangs doch sehr gewöhnungsbedürftig war, aber früher oder später auch nicht mehr störte, weil die Geschichte mich trotzdem – oder vielleicht auch gerade deswegen – so mitriss. Außerdem gelingt es ihr, mit nur wenigen Worten und Adjektiven die Stimmung, und die Figuren so zu beschreiben, dass man sie direkt bildlich vor sich sieht und sich ihnen nahe fühlt, das Meer riecht, den Sand unter den Füßen spürt.

„Wind. Milla schließt die Augen. Ihre Haare kitzeln auf den Lippen. Wind fährt um sie, als wolle er sie umarmen.“ (S. 213)

Zwei Handlungsstränge gibt es – wir erleben erst Millas Gegenwart, die einseitig und trostlos zu sein scheint, bis auf Emma, Jans Tochter, die von Milla aufgezogen wird. Auslöser für die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit ist der Mantel, den sie an diesem Montag trägt, denn es ist Jans alter Mantel, Jan, der gestorben ist, Jan, der Millas allerbester Freund war. Milla fasst den Mut und stellt sich dem, was geschehen ist, will endlich klare Tatsachen schaffen und besucht Kristina. Zusammen versuchen die beiden zu ergründen und zu verarbeiten, was tatsächlich in dem Sommer vor vier Jahren geschah, als Jan starb. Abwechselnd gibt es Kapitel aus der Gegenwart und aus Vergangenheit, die erst zum Schluss ein Gesamtbild ergeben, das allerdings keine abschließende Antwort auf alle aufgeworfenen Fragen gibt. Dabei ist die Verzweiflung und der Kummer der beiden jungen Frauen auf jeder Seite greifbar – es ist eigentlich unglaublich, wie es Sina Pousset gelingt, das bedrückende Innenleben der Protagonistinnen auf wenige Worte herunterzubrechen und dennoch so unverfälscht und authentisch darzustellen.

„Der Schlaf hat sie weggetragen, und die Welt, in der sie aufwacht, passt nicht mehr.“ (S. 75)


„Schwimmen“ ist ein kleines, aber sehr feines, ehrliches, außergewöhnliches und einfühlsames Buch über Verlust, Trauer, Freundschaft, Verantwortung und Träume, das mir, obgleich es oftmals sehr beklemmend war, doch sehr nahe ging und mich berührt hat. Wer auf der Suche nach junger Literatur ist, die sich von der breiten Masse abhebt, sollte es nicht versäumen, sich dieses Buch näher anzusehen!

7 Kommentare zu „[Rezension] Sina Pousset: „Schwimmen“

Gib deinen ab

  1. Hey!
    Das klingt echt toll, wobei ich sagen muss, dass ich den Klappentext überhaupt nicht gelungen finde.
    Das mit dem Kind hätte ich zB. gerne erst während des Lesens erfahren.
    Genau das ist der Grund, wieso ich eigentlich nie Klappentexte lese.

    Werde es mir erst mal auf der Liste speichern.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    1. Ja – die Sache mit den Klappentexten ist fast einen eigenen Blogpost wert finde ich! Ich gebe dir auf jeden Fall recht, aber das Buch ist trotzdem einfach nur wundervoll und hat definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient! :)

      Liebe Grüße
      Liesa

  2. Das Buch klingt wunderbar! Ich werde es mir definitiv merken und hoffentlich bald kaufen. Der Schreibstil macht mich sehr neugierig.

    1. Ach wie cool, da bin ich echt gespannt, wie es dir gefallen wird! Ich wünsche dir auf jeden Fall schon mal viel Spaß auf der Messe, das wird sicher super aufregend – vielleicht kannst du uns Daheimgebliebenen ja ein bisschen auf Instagram oder Twitter mitnehmen! :)
      Mit vielen lieben Grüßen
      Liesa

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