[Rezension] Andrea Hejlskov: „Wir hier draußen. Eine Familie zieht in den Wald.“


ah

 Andrea Hejlskov / „Wir hier draußen. Eine Familie zieht in den Wald“
aus dem Dänischen von Roberta Schneider
mairisch Verlag, 18.09.2017
Gebunden, 296 Seiten, 20,00€

Inhalt

Andrea Hejlskov ist sich sicher: So kann es nicht weitergehen. Sie und ihr Mann sehen in den täglichen Mühen der Arbeit keinen Sinn mehr, die Kinder sitzen nur noch in ihren Zimmern vor den Computern, wirkliche Unterhaltungen finden kaum noch statt. Ihnen ist klar: Das ist nicht das Leben, das sie führen wollen. Sie entscheiden sich, alles grundlegend zu ändern und nach dem zu suchen, was wirklich zählt. Und sie wollen sie raus in die Natur, weg von der Zivilisation mit ihren Anforderungen und Eingrenzungen. Als ihnen eine Hütte in einem Waldstück in Schweden angeboten wird, wird auf einmal alles sehr real.
Doch die Familie muss die grundlegendsten Dinge des täglichen Lebens neu lernen, etwa wie man Holz hackt, eine Blockhütte baut, im Freien kocht, wie man sich verhält, wenn jemand sich verletzt oder krank wird. Manchmal sind die Probleme kaum zu bewältigen, manchmal denken die Eltern ans Aufgeben, manchmal machen die Abenteuer auch großen Spaß.
Mit bemerkenswerter Ehrlichkeit berichtet die dänische Autorin Andrea Hejlskov von einem radikalen Entschluss – einem wahnwitzigen Aufbruch ins Grüne, aber eben auch ins Ungewisse. Es ist die Geschichte einer Familie, die ihr Leben radikal verändert – und dadurch ganz neu zusammenfindet.

Meine Meinung

Vermutlich wissen das die wenigsten über mich, aber ich habe fast meine gesamte Kindheit und Jugend im Wald gewohnt. Nicht in einer Holzhütte und auch nicht ganz einsam und verlassen mitten im dunkelsten Walde, ohne Strom und fließendes Wasser, aber eben doch im Wald, abgeschieden vom dörflichen Leben und vom Stadtleben erst recht. So radikal wie bei Andrea Hejlskov lebten wir allerdings nicht, trotzdem konnte mich das Buch beeindrucken, zum Nachdenken anregen und hat mich ein kleines bisschen an längst vergangene Tage erinnern können.

Für Andrea Hejlskov und ihre Familie gab es viele Auslöser, um das Stadtleben hinter sich zu lassen und ein neues Leben, fernab davon anzufangen. Da waren die Depressionen ihres Mannes, das angespannte Familienleben, die Tatsache, dass ihre Kinder nahezu pausenlos vor Computer- oder Fernsehbildschirmen saßen und es einfach kein Miteinander mehr gab. Lange überlegten sie und ihr Mann Jeppe hin und her, ob es möglich sei, aus den Konventionen auszubrechen, dem gesellschaftlichen Leben und in gewisser Weise auch dem System den Rücken zuzukehren. Ob es nicht zu voreilig sei, gerade auch wegen der Kinder, ob es ihnen schaden würde, sie aus der Schule, aus diesem Leben zu reißen und mit ihnen in der wilden Natur ein neues aufzubauen. Dennoch wagen sie diesen Schritt, fahren in einen der schwedischen Wälder und mieten dort eine winzige Kabine, im Hinterkopf der Plan, sich ein eigenes Haus dort zu bauen.

„Eine Entscheidung wurde getroffen. Sie wurde nicht zu einem bestimmten, klar definierbaren Zeitpunkt getroffen, sondern entstand im Laufe mehrer Monate, wie ein über die Tage gespanntes Gummiband. Wir mussten hier weg.“ (S. 50)

Anfangs fiel es mir etwas schwer, den Rhythmus der Geschichte zu finden, Andrea Hejlskov kennenzulernen und ihre Gedanken zu verstehen, aber schon schnell war ich komplett von der Geschichte eingenommen und bewunderte den Mut ihrer Familie, sich der Natur hinzugeben und ihr Leben danach auszurichten. Bewundernswert vor allem deswegen, weil ich das Gefühl habe, dass es für uns heutzutage immer schwerer wird, uns der Natur zu öffnen und uns auf das Wesentliche zurückzubesinnen, den Alltag ohne Strom und Elektrizität zu bewältigen, grundlegende Tätigkeiten zu erlernen, wie etwa Holz zu hacken, Wäsche im Fluss zu waschen oder gar ein eigenes Haus zu bauen. Klar und ehrlich, an einigen Stellen philosophisch und poetisch erzählt Andrea Hejlskov wie der Wald und seine wenigen (menschlichen) Bewohner sie und ihre Familie verändert haben, wie die Stubenhocker zu Waldkindern wurden, wie das Zusammenleben dort einige der früheren Probleme auslöschen konnte aber dafür andere hervorbrachte. Klar wird vor allem, das die Autorin selbst mehrfach in Existenzkrisen steckte, dass sie sich das alles anders vorgestellt hatte, aber letzten Endes doch glücklich mit der Entscheidung war, egal, wie anstrengend es von Zeit zu Zeit war und wie viele Probleme es trotz allem immer wieder gab. Diese schonungslose Ehrlichkeit hat mich beim Lesen sehr beeindruckt; Andrea Hejlskov lässt nichts aus und teilt ihre positiven wie auch negativen Erlebnisse und Erfahrungen und das auf eine wirklich unglaublich sympathische und einfühlsame Art und Weise. Am Ende ist ihre Familie eine andere, als sie es am Anfang war.

„Der Sommer war hektisch und betriebsam, im Sommer schwirrten wir umher wie rastlose Schmetterlinge, die hungrig alles in sich aufsaugten, den ganzen Wald, alle Blumen, all die Erfahrungen und Gefühle.“ (S. 95)


„Wir hier draußen“ ist eine sehr ungewöhnliche Geschichte über eine Familie, die durch das Leben in der Natur wieder zueinander findet, obgleich dies sich als schwerer herausstellt als zunächst gedacht. Die Persönlichkeit und auch die Aufrichtigkeit der Autorin, die auf ihrem Blog seit 2011 über das Leben im Wald schreibt, ist wirklich bemerkenswert und unfassbar inspirierend – gerade, weil sie nicht davor scheut, auch vom Scheitern zu erzählen. Wer mehr über ihre Abenteuer im Wald lesen möchte, sollte auf ihrem Instagram-Account vorbeischauen – oder einfach dieses Buch lesen.

Vielen lieben Dank an den mairisch Verlag für das Rezensionsexemplar!

11 Kommentare zu „[Rezension] Andrea Hejlskov: „Wir hier draußen. Eine Familie zieht in den Wald.“

Gib deinen ab

  1. Allein bei deiner Rezension wird man völlig wehmütig und verspürt eine Sehnsucht nach einem anderen Leben, fernab von der Berliner Hektik und all dem Stress. Vielen Dank, dass du mich auf das Buch aufmerksam gemacht hast, das wird definitiv gelesen!

    Und was du über deine Kindheit / Jugend erzählt hast, klingt traumhaft, so nach Ronja Räubertochter mit der kuscheligen Atmosphäre von Hogwarts :D

    Liebe Grüße,
    Sarah

    1. Ja, oder? Da kannst du dir echt vorstellen, wie es mir beim Lesen ging; auch wenn die Autorin ständig schreibt, wie anstrengend und anders das Leben ist, war ich doch etwas neidisch, weil mir das Stadtleben trotz all seiner Vorteile doch oft auf die Nerven geht..

      Liebe Grüße auch an dich, ich hoffe, du kommst morgen gut in die neue Woche!

      Viele liebe Grüße
      Liesa

  2. Spannend. Ich kann diese Sehnsucht nach einem einfachen Leben gut nachvollziehen. In mir gibt es Gedanken, nach Neuseeland oder auf die Shetland-Inseln auszuwandern und dort einer einfachen Tätigkeit nachzugehen. Bin aber zu feige (jedenfalls noch) ;-)

    1. Ach wie cool, das wären auch so Ziele, die ich auf jeden Fall noch gesehen haben möchte. Fürs Auswandern würde mir aber auch der Mut fehlen glaube ich, aber was für eine traumhafte Vorstellung!

      1. Danke, im Moment recht gut, wobei er nun, wo er kaum noch Cortison bekommt, wieder schlechter frisst. Muss noch mal mit ihm zum Bluttest, das schiebe ich im Moment vor mir her, ist immer so schlimm für ihn :-(

      1. Oh ja, ich auch. Ich würde gerne etwas ab vom Schuss wohnen, aber so, dass ich noch gut weg komme. Mit viel Grün drum herum, einem verwilderten Garten, Hängematte.. hach.

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