[Rezension] Han Kang: „Menschenwerk“


mw

Han Kang / „Menschenwerk“
aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
Aufbau Verlag, 15.09.2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten, 20 Euro

Inhalt

Ein Junge ist gestorben, und die Hinterbliebenen müssen weiterleben. Doch was ist ihnen ihr Leben noch wert? Han Kang beschreibt in ihrem neuen Roman, wie dehnbar die Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit sind. Ein höchst mutiges Buch und ein brennender Aufruf gegen jede Art von Gewalt.

Meine Meinung

Die schonungslose Art und Weise, in der Han Kang über den Gwangju-Aufstand und der militärischen Unterwerfung in Südkorea 1980 schreibt, hat mich ehrlich erschüttert. Wie schon bei „Die Vegetarierin“ gelingt es ihr auf poetische aber auch sehr kompromisslose und brutale Art, Gefühle und Stimmungen mit wenigen Worten zu transportieren, einen Krieg auf persönliche Ebene zu befördern und dabei verschiedene Perspektiven einzubinden, was den Roman besonders vielschichtig und auch nachhaltig macht.

Dabei habe ich vorher noch nicht einmal von diesem historischen Ereignis gewusst und musste zu Beginn der Geschichte erst einmal googeln, worum es überhaupt geht. Studenten demonstrierten in der südkoreanischen Stadt Gwangju gegen die dort herrschende Militärdiktatur, es wurde vor allem das Freilassen eines Anführers dieser Demokratiebewegung begehrt. Im Roman wird gleich am Anfang sehr viel Blut vergossen und auch laut Wikipedia eskalierte die eigentlich friedliche Demonstration recht schnell aufgrund brutalstem Einsatz von Gewalt durch das Militär. Schon auf den ersten Seiten ist pausenlos von teilweise extrem deformierten Leichen die Rede und ich fühlte mich im ersten Augenblick wirklich etwas unbequem, hatte diese Brutalität einfach nicht erwartet. Das alles sehen wir durch die Augen eines Jungen, der bei diesen Aufständen dabei war, sich aber rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte und sich später um die Identifizierung und Zuordnung der Leichen kümmert, unter denen er auch seinen Freund vermutet, der es nicht geschafft hat, sich der Demonstration früh genug zu entziehen.

Später erzählt Han Kang aus der Sicht einer der Verstorbenen, dessen Körper auf einen Leichenhaufen geschafft wurde. Aber es bleibt nicht bei den Taten um den Aufstand, wir bekommen auch die Nachwirkungen zu spüren, die dieses Ereignis auch Jahre später noch hatte, etwa die grässliche Behandlung, die jene sich gefallen lassen mussten, die Jahre zuvor wegen des Aufstands im Gefängnis waren oder das Leiden derer, die Bekannte und Freunde während der Ausschreitungen verloren haben. Han Kang skizziert viele Sichtweisen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln, bleibt dabei nüchtern und ruhig aber aufrichtig und unumwunden, und lässt den Leser sich selbst ein Urteil bilden. Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgehen, dass die Eindrücke der unterschiedlichen Erzählstimmen miteinander verwoben sind und ein Gesamtbild ergeben. Einige Szenen haben mich richtig mitgenommen, gerade weil mir stets bewusst war, dass die Autorin über etwas schreibt, dass wirklich geschehen ist. Dass es wirklich solch ein schreckliches Ereignis gab, das das Leben so vieler Menschen verändert, geprägt und verschlechtert hat, so sehr, dass „Gwangju“ nicht nur als Ort, sondern synonym für das Schreckliche steht, die Brutalität, das Niederschlagen, die Gewalttaten, das „Menschenwerk“.

Schon bei „Die Vegetarierin“ beeindruckte mich, wie die Autorin mit ihren Figuren und Sprache umgeht und wie sich eine Geschichte in so unterschiedliche Teile gliedern kann, die zusammen doch wieder ein großes Ganzes ergeben. „Menschenwerk“ ist zwar nicht haargenau so aufgebaut wie „Die Vegetarierin“, aber auch hier ist es so, dass die Kapitel sehr verschieden sind und auch die Art und Weise des Erzählens sich immer wieder unterscheidet, man sich als Leser manchmal sogar direkt angesprochen fühlt, da einige Teile aus „Du“ bzw. „Sie“-Perspektive geschrieben sind. Für mich machte es das alles noch nahbarer und authentischer und das Gräuel noch lebendiger. Oft habe ich beim Lesen unbewusst die Luft angehalten, eine Gänsehaut bekommen oder Tränen zurückhalten müssen. Sowas schaffen wirklich nicht viele Autoren.


„Menschenwerk“ ist ein großartiges und erschütterndes Buch über die Grausamkeit der Menschheit, über Gewalt, Verlust und die Nachwirkungen eines so dramatischen Vorfalls. Han Kang gelingt eine wirklich sachliche aber auch sehr kritische Auseinandersetzung mit Militär und Staat. Besonders gefallen hat mir der Epilog, der diese Geschichte, die ohnehin auf realen Begebenheiten beruht, in unsere Welt einbettet und ihr einen Bezug zur Wirklichkeit und Gegenwart gibt.

 

 

 

 

11 Kommentare zu „[Rezension] Han Kang: „Menschenwerk“

Gib deinen ab

    1. Danke! Ich muss ehrlich gestehen, ich fand es auch unfassbar schwer, diese Rezension zu verfassen und ich finde auch immer noch, dass sie dem Buch gar nicht gerecht wird. Einfach ein Wahnsinnswerk!
      Liebe Grüße und einen tollen Wochenstart!
      Liesa

  1. ICH BIN SO GESPANNT AUF DIESES BUCH. Jetzt noch umso mehr, nachdem ich deine Rezension gelesen habe. Daumen drücken, dass ich es bald in meinen Händen halte!

      1. YES. Fand ich absurd und interessant und faszinierend. Du?

      2. Das ging mir genauso – ich war von der Skurrilität der Geschichte total fasziniert und fand vor allem auch die drei unterschiedlichen Erzählperspektiven superspannend!

  2. Hallöchen,
    deine Rezension ist mir eigentlich nur wegen dem hübschen Bild und außergewöhnlichen Cover aufgefallen. Jetzt bin ich irgendwie richtig neugierig auf das Buch. Das Genre ist eigentlich nicht so meins, aber es klingt wirklich interessant.
    Danke für den Tipp! :)

    Liebste Grüße
    Kate ♥

    1. Liebe Kate,
      ha, dann habe ich mein Ziel ja erreicht! Schön, dass ich dich neugierig machen konnte – ich kann es, auch wenn es schwere Kost ist, wirklich von ganzem Herzen weiterempfehlen!
      Viele liebe Grüße
      Liesa

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