[Liebesbrief] Ullstein fünf


Der Liebesbrief ist eine Ode, sozusagen ein geheimes Liebesgeständnis, das in regelmäßigen Abständen an Verlage, Autoren, Buchreihen, Blogs, etc. gehen und deren Arbeit und Werke verdientermaßen honorieren und loben, sowie Aufmerksamkeit darauf lenken soll. 

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Das Ullstein fünf Imprint gibt es noch nicht lange, tatsächlich ist es noch nicht einmal ein Jahr alt und doch kann ich es schon jetzt nicht mehr aus der Bücherwelt wegdenken. Es ist klug und gefühlvoll und poetisch und melancholisch und laut und wichtig und hat mir sogar schon das ein oder andere Mal die Augen geöffnet, meine Perspektive geändert, mir neue Sicht- und Denkweisen aufgezeigt.

Was ist Ullstein fünf?

Wem Ullstein fünf, das – wie man unschwer erkennen kann – ein Verlagsprogramm der Ullstein Buchverlage ist, noch nichts sagt, der hat auf jeden Fall etwas verpasst. Es handelt sich um einen Imprint, der sich ausschließlich mit deutschsprachiger Literatur auseinandersetzt, vorrangig mit jungen Debütautorinnen und -autoren, aber nicht nur. Damit möchte der Verlag vor allem an seine Wurzeln und Traditionen anknüpfen, denn die fünf Ullstein-Brüder setzten schon Anfang des 20. Jahrhunderts auf moderne deutschsprachige Literatur, die sich mit Themen der Zeit auseinandersetzte und so einen erzählerischen Zugang zur Wirklichkeit bot. Noch mehr zu den Hintergründen könnt ihr euch auf der Webseite durchlesen!

Im Fokus stehen Geschichten, die unserer heutigen Realität entspringen – so, wie wir sie kennen, möglicherweise auch schon selbst erlebt haben, aber auch so, wie wir sie noch nie gesehen haben. Auffällig ist auf jeden Fall, dass nicht nur die besonderen Geschichten in den Vordergrund gerückt werden, sondern auch derjenige, der sie erzählt und uns nahe bringt. Obgleich es nahezu ausschließlich Debüts sind, die unter Ullstein fünf veröffentlicht werden, so hat man doch das Gefühl, dass den Autoren der Geschichten große Aufmerksamkeit zugestanden wird und sie genauso im Fokus stehen, wie die Geschichten, die erzählt werden.

Welche Bücher wurden bisher veröffentlicht?

Während ich mich an das erste Ullstein fünf Programm nur sehr zaghaft herantastete, habe ich das zweite etwas gieriger in mich aufgesogen, wobei ich aus beiden Programmen (noch) nicht alle Titel gelesen habe. Tatsächlich interessiert mich aber jedes einzelne Buch aus dem Programm und ich bin mir sicher, sie auch noch alle zeitnah zu lesen, eben weil sie dem Zahn der Zeit entspringen und ich mich ihnen auf unerklärliche Weise so nahe fühle.

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„Fuchsteufelsstill“ von Niah Finnik war das erste Buch, an das ich mich herangewagt habe. Zugegeben, allein die Cover haben eine riesengroße Rolle gespielt, weshalb ich mich überhaupt so sehr für das Verlagsimprint interessiert habe, aber jeder weiß, dass ein gutes Cover nicht ausreicht, sondern auch der Klappentext überzeugen muss und in dem Fall (und eigentlich auch in allen anderen) hat das Gesamtpaket mich von sich überzeugen können. Weiter ging es mit Ada Dorians „Betrunkene Bäume“ und „Das Rauschen in unseren Köpfen“ von Svenja Gräfen, das bisher zu einem meiner unangefochtenen Favoriten aus dem Programm gehört. Nur „Sonne und Beton“ von Felix Lobrecht habe ich noch nicht gelesen – allerdings ist das nicht meinem mangelnden Interesse an dem Buch geschuldet, es hat sich für mich einfach noch nicht ergeben. Ich würde ja versuchen, all diese Bücher in einem kurzen prägnanten Satz zusammenzufassen, aber das geht einfach nicht. Während „Fuchsteufelsstill“ den Weg einer depressiven Autistin zeichnet, die einen stillen inneren Kampf mit sich selbst und der Welt austrägt, ist „Betrunkene Bäume“ eine Geschichte voller Gegensätze mit dem verbindenden Element der Einsamkeit. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ erzählt eine erschreckend lebensnahe und authentische Liebesgeschichte und überzeugt dabei vor allem durch eine ganz besondere Sprache, die jedes Wort förmlich von innen leuchten lässt. Überhaupt ist der Schreibstil der jungen Autoren und Autorinnen durchdacht, literarisch und dennoch unterhaltend und hat mich in allen Fällen direkt von der ersten Seite an überzeugen können.

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Auch das zweite Programm trifft, was meinen Geschmack angeht, völlig ins Schwarze. Es ist vor allem diese Vielfalt an unterschiedlichen Geschichten, die mich besonders anspricht und jeden Titel auf seine eigene Weise schmackhaft macht. Beeindruckend ist vor allem, dass Ada Dorian mit „Schlick“ nur ein halbes Jahr später bereits ihr zweites Buch herausgebracht hat. Der Roman lässt sich mit „Betrunkene Bäume“ nicht vergleichen, erzählt eine ganz andere Geschichte, aber konnte mich tatsächlich sogar mehr berühren und begeistern als ihr Debüt. Es geht um Familiengeschichten, eine in der Zukunft, eine in der Gegenwart, die Ada Dorian sehr emotional und unfassbar überzeugend erzählt und die durch einen Berührungspunkt in der Gegenwart sehr geschickt miteinander verwoben werden. Auch „Schwimmen“ von Sina Pousset ist für mich ein absoluter Volltreffer gewesen. Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich so nachhaltig beschäftigt hat, wie dieses und selten hat mich die Sprache eines Buches so umgehauen, wie bei diesem. „Phantome“ von Robert Prosser und „Durch alle Zeiten“ von Helga Hammer sind beide noch ungelesen, stehen aber zumindest schon in meinem Regal. Helga Hammer ist bisher die älteste Autorin im Bunde der Ullstein fünf Autoren, ihr Buch spielt in den österreichischen Alpen in den 50ern und erzählt von einer Liebe, die es nicht geben durfte. „Phantome“ klingt um einiges forscher; Robert Prosser setzt sich literarisch mit dem kaum bekannten Jugoslawienkrieg auseinander und schildert die Folgen, die die fehlende Aufarbeitung dieses Krieges noch heute hat.

Und was ist nun so toll daran?

Nun, für mich liegt das auf der Hand. Zum einen finde ich das Engagement und das Vertrauen, das Ullstein deutschsprachigen Debütautoren zugesteht, einfach nur bemerkenswert und herausragend. Gerade in Zeiten, wo Verlage mehrere hundert Bücher im Jahr auf den Markt bringen, gefällt mir dieser Gedanke eines Programmes, das tatsächlich nur aus vier ausgewählten und besonderen Texten besteht, die alle für sich stehen und herausstechen. Dazu kommt dann auch noch, dass die Geschichten mich inhaltlich alle auf ihre eigene Art und Weise ansprechen. Sie scheinen so banal und aus dem Leben gegriffen, werden aber in so eindrucksvoller und empfindsamer Sprache geschildert und von einzigartigen Charakteren bevölkert, mit denen zumindest ich mich sehr gut identifizieren kann. Dass Ullstein nicht völlig falsch damit liegt beweist auch die Tatsache, dass Robert Prosser beispielsweise auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis diesen Jahres stand und ich bisher erst selten etwas negatives zu den Büchern gehört habe. Ich bin auf jeden Fall extrem gespannt auf das, was bei Ullstein fünf noch so passieren wird und kann aus geheimer Quelle auch verraten: Es bleibt großartig und einzigartig!

 

13 Kommentare zu „[Liebesbrief] Ullstein fünf

Gib deinen ab

    1. Wie toll, ich hoffe, es gefällt dir genauso gut wie mir! An dem Buch hat mir besonders der Schreibstil der Autorin gefallen, der erst so schlicht zu sein scheint, sich dann aber doch als besonders gefühlvoll und schwermütig erwiesen hat. Es ist ganz schwer, es in Worte zu packen, aber wenn du einmal mit dem lesen angefangen hast, kannst du nicht mehr aufhören – so war es jedenfalls bei mir! :)
      Liebe Grüße
      Liesa

  1. Von Ullstein fünf steht auch noch einiges auf meiner Wunschliste und ich bin sehr gespannt, da mal etwas intensiver rein zu lesen. Es klingen einfach wirklich alle Titel so interessant! Diese ’schmalen‘ Programme finde ich allgemein auch direkt sympathischer. Hast du den einen Favoriten bei den bisher gelesenen Titeln?

    1. Oh ja, nimm dir unbedingt die Zeit dafür, in einige Bücher hineinzulesen! Aus all meinen gelesenen Ullstein fünf Büchern sind „Das Rauschen in unseren Köpfen“ von Svenja Gräfen und „Schwimmen“ von Sina Pousset auf jeden Fall die beiden Bücher, die mich – vor allem auch sprachlich – am meisten berührt haben! Ich mochte aber auch „Schlick“ von Ada Dorian sehr sehr gerne! :) Ich bin gespannt, für welches Buch du dich entscheiden wirst!

  2. Ich habe selbst leider noch keinen Titel aus dem Programm von Ullstein fünf gelesen, aber auf der Wunschliste stehen sie schon. Deine Begeisterung macht mich sehr neugierig!

  3. Die Idee ist total schön und mich hat es irgendwie nicht verwundert dass du es dem Imprint widmest, so wie du sonst auch immer davon schwärmst :D Ich habe tatsächlich noch nichts davon gelesen aber das ändert sich ja hoffentlich bald. Die Geschichten klingen allesamt wirklich sehr interessant, gerade weil sie so aus dem Leben gegriffen sind und ich finde es auch toll, dass man hier nicht auf Übersetzungen sondern junge deutschsprachige Literatur setzt. Richtig toll, ich bin sehr neugierig :)

    1. Du kriegst ja noch einen kleinen Vorrat an Ullstein 5 Büchern – wenn wir uns das nächste Mal sehen, bringe ich sie dir auf jeden Fall mit! <3 Ich bin mir fast hundertprozentig sicher, dass sie dir auch so gut gefallen wie mir!

      1. Juhuu, das ist ja dann zu Weihnachten, wenn ich hoffentlich noch mehr Zeit zum Lesen habe. Vielleicht kann ich dann gleich ein paar verschlingen :D Bin auf jeden Fall schon sehr gespannt <3

  4. Ich muss gestehen, dass mich nicht alle Titel gleichermaßen ansprechen. Sonne und Beton beispielsweise überhaupt nicht. Nichtsdestotrotz finde ich die Idee, die hinter diesem Imprint steckt sehr, sehr schön. Und auch die Zusammenstellung als solches finde ich gelungen und macht neugierig. Gelesen habe ich bisher nur Fuchsteufelsstill, für mich eins der ganz großen Bücher dieses Jahr!

    Viele Grüße
    Juliana

    1. Ja, „Sonne und Beton“ fällt schon etwas aus dem Raster, auch „Durch alle Zeiten“ von Helga Hammer finde ich etwas untypischer als die restlichen Bücher aus dem Programm – aber nicht weniger spannend! Ich kann dir besonders „Schwimmen“ und „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ans Herz legen – gerade bei ersterem könnte ich mir schon gut vorstellen, dass du Gefallen daran finden könntest!
      Ganz liebe Grüße
      Liesa

  5. Ich habe tatsächlich von dem Verlagsprogramm noch nichts gehört, aber das Buch „Fuchsteufelsstill“ steht auch auf meiner Wunschliste. Mal schauen, wann ich dazu komme. Dieses Jahr bin ich eher fantasy-lastig unterwegs, aber ich spüre, dass ich grad wieder Lust auf ein bisschen was anderes bekomme. :D

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