[Rezension] Ray Bradbury: „Schneller als das Auge“


raybrd

Ray Bradbury / „Schneller als das Auge“
aus dem Amerikanischen von Hans-Christian Oeser
Diogenes Verlag, 27.09.2017
Taschenbuch, 336 Seiten, 12,00€

Inhalt

Geheimnisvolle, magische Geschichten aus dem Reich der Einsamkeit und der Angst, der Unschuld und der Leidenschaft, des Hasses und der Sehnsucht, aus praller Mittagshitze und mondfinstrer Nacht. Zu viel oder zu wenig Liebe als Möglichkeit der Selbsterkenntnis, der Selbstkorrektur oder einer paradoxen Form von Glück.

Meine Meinung

Passend zur herbstlichen Jahreszeit, die ja immer mit Horror und Grusel verbunden wird, habe ich mich an einen Band mit Erzählungen von Ray Bradbury herangewagt, der zwar keinen Horror versprach, aber mysteriöse und magische Geschichten enthalten sollte. Da solch geheimnisvolle und unerklärliche Elemente in Geschichten meist noch anziehender auf mich wirken, als das blanke Grauen, habe ich mir diese Kurzgeschichtensammlung als Lektüre für Halloween ausgewählt und wurde auch nicht enttäuscht.

21 Geschichten sind es, die sich in diesem Buch tummeln und sie sind alle so unterschiedlich wie Tag und Nacht – zwar gibt es einige Details und Einzelheiten, die in mehreren Geschichten auftauchen, aber diese haben meist nichts mit der Handlung zu tun, sondern sind eher Randerscheinungen. Da gibt es Geschichten von einem alten Ehepaar, das sich gegenseitig umbringen will und daraus seine Lebenskraft zieht, einem äußerst geheimnisvollen Psychiater, der ein ehemaliger U-Boot-Kommandant war, einem ungeborenen Kind, das höchst eloquent mit den werdenden Eltern kommuniziert, einer abstrusten Interpretation von „Das Bildnis des Dorian Gray“, einer verzauberten Hexentür, durch die Menschen auftauchen und verschwinden oder einer ungewöhnlichen im Wald lebenden Spinnenart, die das Blut dreier Kinder aufgesogen hat – und noch so viele mehr. Die Geschichten beginnen stets in der Realität und sind auf dem ersten Blick sehr alltäglich. Manche bleiben dort auch, machen es sich dort gemütlich und erzählen einfach komische aus dem Leben gegriffene Anekdoten, die jedem von uns widerfahren könnten und die unsere Vorstellungskräfte nicht überstrapazieren. Andere dagegen driften an einem gewissen Punkt ins Skurrile ab, werden unvorhersehbar und Realität und magische Elemente vermischen sich zu einer wahrhaften Gruselgeschichte.

Die Mischung dieser bizarren Geschichten hat für mich auf jeden Fall den größten Reiz ausgemacht – man konnte sich von Erzählung zu Erzählung hangeln, ohne dass Verwechslungsgefahr bestand, weil Ray Bradbury so vielseitig und erfinderisch schreibt,  vor allem auch seine Charaktere so plastisch wirkten, obwohl er gar nicht unbedingt viel Zeit darauf verschwendet, sie überhaupt zu beschreiben – dafür sind die Geschichten auch viel zu kurz. In diesen 21 Kurzgeschichten gelingt es ihm außerdem, so viele Themen anzusprechen: Eine große Rolle spielt der Tod, generell (Existenz-)Krisen, aber auch die Einsamkeit, genauso wie Beziehungsstrukturen – Ray Bradbury nähert sich dem nicht nur literarisch, sondern teilweise auch sehr psychologisch und analysierend, es ist ein bisschen so, wie eine Menschenstudie, falls man das so sagen kann. Bradbury inspiriert dazu, hinter die Fassaden zu blicken, die Fantasie schweifen zu lassen und die eigene Vorstellungskraft zu nutzen, um die Welt als etwas magisches zu begreifen.

Berührt hat mich dann aber vor allem das Nachwort von Bradbury, in dem er lautstark dazu auffordert, das Beste aus jedem Augenblick zu machen, die Wunder unserer Welt wahrzunehmen. Darin schreibt er außerdem über seine persönliche Inspiration, was ich sehr spannend fand und erzählt, wie es zu einigen der in diesem Buch erfassten Geschichten gekommen ist und macht gleichzeitig total Lust darauf, selbst einfach einen Stift und ein Blatt Papier zur Hand zu nehmen und drauflos zu schreiben.


„Schneller als das Auge“ enthält extrem lesenswerte moderne Märchen, Satiren, Kriminalkomödien, aber auch Geschichten, die  – magische Elemente hin oder her – wahrer sind, als wir es vielleicht für möglich halten. Auch wenn mir einige Erzählungen besser als andere gefielen, so kann ich am Schluss doch eines feststellen: Ray Bradbury ist ein Genie.

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

7 Kommentare zu „[Rezension] Ray Bradbury: „Schneller als das Auge“

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  1. Tolles Foto und tolle Rezension! Ich habe gerade Fahrenheit 451 von ihm ausgelesen, fand ich mega. War mein erster Bradbury. Wenn meine mir selbst auferlegte Bücherkaufsperre vorbei ist, will ich mir definitiv mehr von ihm zulegen!

    1. Hej liebe Jana,
      danke für die netten Worte! „Fahrenheit 451“ habe ich vor zwei oder drei Jahren gelesen – danach habe ich mir immer wieder vorgenommen, mal wieder was von Bradbury zu lesen und habe es jetzt erst geschafft. Dafür war ich umso positiver überrascht von dem Buch, ich werde auf jeden Fall noch mehr Bücher von ihm lesen, das steht fest!
      Liebste Grüße
      Liesa

  2. Wow, diese Rezension hat mir wahnsinnig gut gefallen. Ich bin absolut kein Gruselfan, aber da bekomme sogar ich Lust, da mal reinzulesen. Danke! Und weiter so!

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