[Rezension] Kent Haruf: „Unsere Seelen bei Nacht“


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Kent Haruf / „Unsere Seelen bei Nacht“
aus dem Amerikanischen von pociao
Diogenes Verlag, 22.03.2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 208 Seiten, 20,00€

Inhalt

Holt, eine Kleinstadt in Colorado. Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein lebt. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte? Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben. Doch ihre Beziehung weckt in dem Städtchen Argwohn und Missgunst.

Meine Meinung

Kent Haruf schrieb „Unsere Seelen bei Nacht“ kurz bevor er starb – und trotzdem ist dieser Roman so positiv und hoffnungsvoll, zart und berührend und erzählt eine wirklich wunderschöne Geschichte von zwei Menschen, die eigentlich dachten, ihr Leben wäre bereits gelebt.

Um Addie geht es und um Louis. Beide sind bereits 70 und verwitwet, haben ein langes Leben voll schöner, aber auch sehr trauriger Momente und Erinnerungen hinter sich. Beide sind allein und einsam und sehnen sich nach einem Gegenüber, jemandem, der für sie da ist und ihnen einfach nur zuhört oder die Stille mit seinen eigenen Geschichten füllt.

„Ich wollte fragen, ob du dir vorstellen könntest, hin und wieder zu mir zu kommen und bei mir zu schlafen.“ – Seite 9

Mit diesen Worten unterbreitet Addie Louis ihren Vorschlag. Sie kann nicht mehr schlafen, liegt nachts stundenlang wach und liest und sucht jemanden, der ihr dabei hilft, die Nacht zu überstehen und sich nicht ganz so allein zu fühlen in ihrem leeren Haus. Was auf dem ersten Blick nach einem eigenartigen Vorschlag klingt, ist in meinen Augen ein unfassbar mutiger Antrag. Nicht nur, weil die Nachbarschaft davon etwas mitbekommen und falsche Schlüsse ziehen könnte – das erleben die beiden nämlich am eigenen Leibe, machen allerdings auch kein Geheimnis aus ihrer besonderen Verbindung und Freundschaft, die sich entwickelt -, sondern vielmehr, weil es trotz des Gefühls der Einsamkeit doch schwer sein muss, wieder jemanden in sein Leben zu lassen und, obwohl man sich zwar schon sehr lange, aber doch nur oberflächlich, kennt mit so einem Vorschlag ins Haus zu fallen. Louis nimmt Addies Angebot jedoch ohne lange nachzudenken an und etwas ganz wunderbares entwickelt sich daraus.

„Unsere Seelen bei Nacht“ würde ich nicht als Liebesgeschichte einordnen – die Liebe in all ihren Formen spielt zwar eine große Rolle, nimmt aber doch nicht den Großteil des Romans für mich ein. Viel eher ist es eine Lebensgeschichte, denn Addie und Louis rufen sich ihre Vergangenheit in Erinnerung und erzählen von ihrem Leben und ihren Lieben, von den Steinen, die das Leben ihnen in den Weg gelegt hat, von Verlust und Trauer und Familie und auch ihren Träumen. Es geht den beiden bei weitem nicht um das miteinander schlafen, sondern um die Intimität und Verbundenheit des beieinander schlafens, darum, dass jemand ganz nahe bei ihnen ist. Einfach ist es für beide aber nicht, da die Bewohner von Holt, dem fiktiven Städtchen, in dem sie leben, kaum Verständnis für ihre besondere Beziehung haben und diese stets in ein Licht rücken, das sie unanständig und verdorben wirken lässt. Das hat mich ehrlich gesagt besonders wütend gemacht – wie engstirnig und borniert kann eine Gesellschaft sein, wie weit steckt sie ihre Nase in Angelegenheiten, die sie eigentlich gar nichts angehen? Oder ist es oftmals nur der Neid, aus seinem eigenen Leben nicht mehr gemacht zu haben?

„In Addies Schlafzimmer streckte er die Hand aus dem Fenster und fing den Regen auf, der vom Giebel tropfte. Dann legte er sich neben Addie und berührte mit der feuchten Hand ihre weiche Wange.“ – Seite 111

Schlimm wird es dann, als die Familien von Addies und Louis Verbindung hören und das Ganze eskaliert. Mich hat es ehrlich erschüttert, wie diese reine Freundschaft und Liebe zwischen den beiden als etwas so ekelhaftes und unnatürliches angesehen werden konnte und wie weit die Bevormundung durch die eigenen Kinder ging. Wird die Liebe im Alter wirklich als etwas so abnormales angesehen? Klar, gerade in (amerikanischen) Kleinstädten wird immer viel getuschelt und über die anderen geredet, aber mit so viel Negativität und Abneigung gegen etwas doch so natürliches vorzugehen und es dann auch noch unterbinden zu wollen, dafür kann ich einfach kein Verständnis aufbringen.

Kent Haruf nähert sich dem mit sehr viel Behutsamkeit und Empathie, sowieso ist die ganze Geschichte unheimlich zart und schlicht gehalten, ohne irgendwelche rührseligen Anekdoten oder ähnlichem. Auch sprachlich ist der Roman – auf eine wirklich gute Art und Weise –  sehr banal und schnörkellos, transportiert aber dennoch eine besondere Atmosphäre und eine Menge Gefühle. Was er mir aber leider nicht wirklich näherbringen konnte, waren Addie und Louis. Ich mochte beide, fand ihre Lebensgeschichte interessant und beeindruckend, konnte aber dennoch nicht so richtig Zugang zu ihnen finden, irgendetwas fehlte mir einfach, auch wenn ich nicht ganz benennen kann, was es war.


Ohne in Gefühlsduselei und Sentimentalität abzudriften, wird in „Unsere Seelen bei Nacht“ eine sehr intime Geschichte zweier Menschen erzählt, die einen Großteil ihres Lebens bereits gelebt haben, sich aber im Alter dennoch nicht dem einsamen Einsiedlerleben hingeben wollen.  Kent Haruf ist mit seinem letzten Roman ein ruhiges aber kraftvolles Buch über das Leben und Lieben im Alter gelungen, das mich sehr bewegt aber auch nachdenklich gestimmt hat.

Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar!

3 Kommentare zu „[Rezension] Kent Haruf: „Unsere Seelen bei Nacht“

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