[Rezension] John Green: „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“


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John Green / „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ („Turtles all the Way Down„)
aus dem Englischen von Sophie Zeitz
Carl Hanser Verlag, 10.11.2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 288 Seiten, 20,00€

Inhalt

Die 16-jährige Aza Holmes hatte ganz sicher nicht vor, sich an der Suche nach dem verschwundenen Milliardär Russell Pickett zu beteiligen. Sie hat genug mit ihren eigenen Sorgen und Ängsten zu kämpfen, die ihre Gedankenwelt zwanghaft beherrschen. Doch als eine Hunderttausend-Dollar-Belohnung auf dem Spiel steht und ihre furchtlose beste Freundin Daisy es kaum erwarten kann, das Geheimnis um Pickett aufzuklären, macht Aza mit. Sie versucht Mut zu beweisen und überwindet durch Daisy nicht nur kleine Hindernisse, sondern auch große Gegensätze, die sie von anderen Menschen trennen. Für Aza wird es ein großes Abenteuer und eine Reise ins Zentrum ihrer Gedankenspirale, der sie zu entkommen versucht.

Meine Meinung

Es gibt da zu John Greens neustem Roman auf Goodreads diese eine Rezension, die aus dem Jahr 2012 ist. Ich glaube, zu dem Zeitpunkt wurde vage ein neues Buchprojekt von ihm angekündigt, aber es gab keinerlei Anhaltspunkte oder Informationen darüber, was das für ein Buch wird. Es handelt sich bei dieser Rezension also um reinste Spekulation und dennoch trifft sie auf angenehme Weise zu. Macht das John Green zu einem vorhersehbaren Autor? Möglicherweise schon – ich mochte „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ im Prinzip trotzdem ganz gerne, musste an einigen Stellen aber dennoch etwas gähnen.

Dabei zeugt es meiner Meinung nach von unfassbarem Mut, dass John Green dieses Buch überhaupt veröffentlicht. Nicht, weil es schlecht ist und er sich dafür schämen müsste, sondern eher, weil die Ankündigung so spontan kam und die Erwartungen nach „The Fault in our Stars“ ja so dermaßen ins Astronomische gestiegen waren. Ich weiß nicht, ob ich an seiner Stelle so beiläufig und entspannt ein auf den ersten Blick so gewöhnliches Buch hätte herausbringen können – möglicherweise fühlt sich diese Geschichte aber auch nur für Außenstehende so unaufregend an, denn die Themen, die John Green in diesem Buch angeht sind solche, mit denen er sich im Alltag schon sein ganzes Leben herumschlägt, die ihn täglich begleiten und in einen unaufhaltsamen Gedankenstrudel ziehen, genauso, wie es bei der Protagonistin Aza der Fall ist.

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In die Augen kann man jedem sehen. Aber jemand zu finden, der dieselbe Welt sieht, ist ziemlich selten. – Seite 14

Aza ist eine klassische John Green Figur – wie generell alle Figuren, die in diesem Buch auftauchen. Sie lebt zusammen mit ihrer Mutter und leidet schon seit ihrer Kindheit unter Zwangsstörungen und Angstzuständen, die in diesem Roman schonungslos mit dem Leser geteilt werden. Mich hat das ehrlich gesagt teilweise ganz schön mitgenommen und ein beklemmendes Gefühl in der Brust hinterlassen. Es ist ein Jugendbuch, ja, und auch wenn der Rahmen dieser Geschichte so unspektakulär scheint, so hat John Green hier trotzdem eine Thematik angesprochen, die (in Deutschland) noch überhaupt gar nicht wirklich präsent zu sein scheint. Außerdem gelingt ihm das auch auf eine bemerkenswert ehrliche und authentische Art, vor allem, wenn ich es mit anderen Jugendbüchern vergleiche, die sich mit psychischen Krankheiten auseinandersetzen. Fast schon auf unangenehme Weise wird man ohne es stoppen zu können mit in Azas Gedankenstrudel gezogen und spürt die Ausweglosigkeit, die Aza jeden verdammten Tag erlebt.

Mir gefielen außerdem auch die Beziehungen, die Aza zu den verschiedenen Menschen in ihrem Umfeld hat. Zum einen die Mutter-Tochter-Beziehung, die zwar irgendwie auch sehr einseitig zu sein scheint aber bei der man jede Menge Liebe und Sorge ihrer Mum gegenüber Aza spürt. Zum anderen aber auch was die Romanze angeht – hier hat John Green wieder einmal ein unfassbares Gespür und sein Talent dafür bewiesen, eben solche erfrischend zu beschreiben. In meinen Augen schreibt einfach kaum ein anderer Jugendbuchautor so aufrichtige und echte Liebesgeschichten. Hier wird auf jeglichen Kitsch verzichtet und Aza wird auch nicht durch einen Kuss von ihrer Krankheit geheilt – trotzdem hätte ich mir insgesamt mehr Zeit für Aza und Davis gewünscht. Am liebsten mochte ich allerdings die Beziehung zwischen Aza und ihrer besten Freundin Daisy. Beide sind bei weitem keine perfekten Freundinnen, aber trotzdem funktionieren und harmonieren sie, führen mal extrem lustige und mal sehr schmerzhafte Gespräche, halten aber zusammen, komme was wolle. Ich glaube, mitunter waren das auch meine Lieblingsszenen im gesamten Buch.

Ich hatte das Gefühl, ich müsse mich übergeben. […] In meinem Kopf drehte sich alles. Ich hasste mich, ich hasste sie. Ich fand, sie hatte recht und nicht recht, fand, ich hatte es verdient oder auch nicht. – Seite 214

Dagegen war ich kein großer Fan der Rahmenhandlung. Der millionenschwere Vater von Azas Kindheitsfreund Davis wird vermisst und anfangs wollen Aza und Daisy herausfinden, wo er sich nur befinden könne. Mich hat das nicht nur unheimlich gelangweilt, in dem Zusammenhang hat mich besonders eine Szene gestört, in der SPOILER Davis Aza einfach so 100.000€ gibt, damit sie und Daisy aufhören, weiter nach dem Vater zu suchen, um den Finderlohn einzustreichen. Für mich war das einfach nur awkward und unrealistisch und ich habe auch nicht verstanden, was das dem Plot geben sollte. SPOILER ENDE 

Letztlich gebührt dem Hanser Verlag jedoch noch ein großes Lob für die Ausstattung dieser Erstauflage. Nicht nur, dass das Buch in rasantem Tempo übersetzt wurde und nur knapp ein Monat zwischen englischem und deutschem Erscheinungstermin lagen, nein, der Verlag hat sich auch in der Gestaltung des Buches nichts nehmen lassen, dem Buch einen orangefarbenen Farbschnitt verpasst und außerdem ein Wendecover anfertigen lassen, was ich total cool finde. Beim Lesen war ich die ganze Zeit ziemlich entzückt, wie hochwertig und toll der Roman sich anfühlt und wie schön diese Ausgabe einfach ist. Hut ab dafür, Hanser!

„Ich mag kurze Gedichte mit schrägem Reimschema, weil so das Leben ist.“
„So ist das Leben?“ Ich versuchte zu verstehen, was er meinte.
„Ja. Das Leben reimt sich, aber nie an der Stelle, wo man es erwartet.“
– Seite 152


„Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ ist ein Jugendbuch ohne großartigen Spannungsbogen aber dafür mit einem außergewöhnlichen Kampf gegen die alltäglichen fiesen Gedanken, die einen in einen Strudel einschließen und immer tiefer in die Misere ziehen. John Green bleibt sich und seinen Charakteren treu und erzählt hier eine  bewegende Geschichte, die nicht an jeder Stelle mitzureißen vermag, aber mir dennoch sehr positiv in Erinnerung bleibt.

Vielen lieben Dank an den Hanser Verlag für das Zusenden dieses Rezensionsexemplares!

6 Kommentare zu „[Rezension] John Green: „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“

Gib deinen ab

  1. Die englische Ausgabe liegt bereits auf meinem SuB, aber bisher habe ich mich noch nicht rangetraut. Irgendwie habe ich Angst, dass John Green diesmal nicht an seine vorherigen Erfolge anknüpfen kann.

  2. Ich finde es auch beeindruckend wie er nach dem großen Druck, der nach TFIOS auf ihm lastete doch endlich noch ein Buch veröffentlich hat. Und dann auch noch eins, das aus so persönlichen Erfahrungen schöpft. Ich kann mir vorstellen, dass das eigentlich das Gruseligste an allem für ihn war, das ist ja wie ein Stück seines eigenen Herzens der ganzen Welt zum drauf Herumtrampeln zu offenbaren.

    Ich finde es ein bisschen seltsam, dass John Green immer so dafür kritisiert wird, dass seine Charaktere und seine Bücher sich generell so ähneln – ist das nicht bei vielen Autoren so? Ich meine, deshalb hat man ja u.a. auch Lieblingsautoren, weil sie meist Dinge auf eine ähnliche Art und Weise produzieren, die einem gefällt. Ich habe das Gefühl, bei ihm wird das immer besonders negativ hervorgehoben.

    1. Ja, total! Finde es auch echt beeindruckend von ihm!

      Irgendwie hast du recht – bei Murakami stört es mich ja auch nicht wirklich, dass die Protagonisten sich immer ähnlich sind. Trotzdem fällt mir das bei John Green einfach immer so sehr auf und ich finde es jedesmal schade. Kann schon sein, dass man da überkritisch ist und ich finde seine Figuren ja auch nicht unsympathisch. Ich glaube es stört mich – eben im Gegensatz zu Murakami – deswegen so sehr, weil John Greens Geschichten sehr „charakterfokussiert “ sind – es sind die Figuren, die die Geschichte leiten und mit Leben füllen, während sie bei Murakami meistens nur so mittreiben und die Geschichte auch ohne sie an Fahrt aufnimmt. Irgendwie schwer zu beschreiben, ich weiß jetzt nicht, ob wirklich rüberkommt, was ich sagen wollte. Aber ich gebe dir total recht, ich glaube, ich muss noch weiter darüber nachdenken, warum mich das bei ihm so stört bzw. warum ich es so schade finde.

  3. Jetzt kann ich auch endlich deine Rezension lesen- ich habe das vermieden, bevor ich das Buch selbst gelesen und rezensiert habe, um mich da weniger beeinflussen zu lassen. Ich kann dir in deinen Punkten eigentilch nur zustimmen, gerade die Thematik fand ich so beruehrend und persoenlich und ich finde schon allein die Tatsache, dass er ueber so etwas persoenliches schreibt, ziemlich beeindruckend. Mir ist auch aufgefallen, dass das Thema in Deutschland (aber auch in amerikanischen Buechern) noch ziemlich neu ist. Mir scheinen Depression, eventuell Autismus und Post-Traumatische Belastungsstoerung weiter verbreitetere Themen (auch wenn sie trotzdem noch recht rar sind, gerade wenn es um ernsthaftes Beschaeftigen mit dem Thema get und nicht ein „Machen wir die Geschichte mal noch ein bisschen dramatischer“ a la Colleen Hoover geht), aber OCD/Angststoerung kaum. Insofern ist das hoffentlich auch ein erster Schritt in die Richtung, mehr Bewusstsein dafuer zu schaffen.

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