[Rezension] Madeleine Thien: „Sag nicht, wir hätten gar nichts“


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Madeleine Thien / „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ (engl. „Do not say we have nothing„)
aus dem kanadischen Englisch von Anette Gruber
Luchterhand Literaturverlag, 04.09.2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 653 Seiten, 24,00€

Inhalt

Ein preisgekrönter Roman über China von den 1940ern bis heute, über zwei eng verbundene Musikerfamilien und ihr Schicksal. Die herzzerreißenden Lebensgeschichten der Musiker, ihrer Freunde, Familien und Geliebten, die in den Strudel der Politik geraten, in das Auf und Ab von Revolution, Gewalt und Unterdrückung, führen zu der universellsten und zugleich privatesten aller Fragen: Wie kann der Mensch sich selbst treu bleiben, lieben und kreativ sein, wenn er sich verstellen und verstecken muss, weil er um sein Leben fürchtet? Erzählerin dieses vielschichtigen Epos ist Marie, die mit ihrer Mutter in Kanada lebt und nicht versteht, warum ihr Vater nach China zurückgekehrt ist. Als sie zehn Jahre alt war, haben sie einen Gast bei sich aufgenommen, die junge Ai-ming, die nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens aus Peking geflohen ist. Marie ahnte bald, dass sie eine gemeinsame Geschichte haben, und nun versucht sie, Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen.

Meine Meinung

Von mir selbst würde ich behaupten, ich wüsste inzwischen sehr gut, welche Bücher mich begeistern könnten und welche eher weniger etwas für mich sind. Das spiegelt sich auch in meinen durchschnittlichen Bewertungen wider, die meist doch sehr hoch sind – nur selten bewerte ich ein Buch mit weniger als 3 Sternen. Nun hat es mich aber doch wieder erwischt – „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ konnte mich absolut nicht begeistern und das, wo ich eigentlich dachte, dass dieser Roman genau meinem Geschmack entsprechen würde.

Schon der Einstieg fiel mir ehrlich gesagt gar nicht mal so leicht und das Gefühl zog sich dann bis zum Schluss durch, was unter anderem dafür sorgte, dass ich schon lange nicht mehr so lange für ein Buch gebraucht habe, wie für dieses. Alles fühlte sich so verworren und unvollständig an, ich hatte anfangs riesige Probleme, die unterschiedlichen Zeitebenen auseinander zu halten, die Figuren richtig einzuordnen und das alles in einen logischen Kontext zu bringen. Abbrechen kam für mich aber auch nicht in Frage – zum einen breche ich generell ungern Bücher ab, vor allem Rezensionsexemplare, zum anderen hoffte ich auch nach der Hälfte des Buches noch auf einen Aha-Moment, der der Geschichte etwas Schwung verliehen hätte. Der blieb aber leider aus – auf über 600 Seiten wird langatmig eine Familiengeschichte erzählt und aufgearbeitet und das in einer so monotonen Art und Weise ohne jeglichen Spannungsfaktor oder Höhepunkt und mit langweiligen und unpersönlichen Charakteren, wie ich sie leider schon lange nicht mehr erlebt habe.

Dabei muss ich nochmal betonen, wie vielversprechend die Thematik klang: Unter anderem geht es um die Chinesische Revolution von 1960, es geht daneben aber auch um Familie, Herkunft, Liebe und Zugehörigkeit. Leider fehlt es diesen von Natur aus emotionsgeladenen Themen in diesem Roman aber eindeutig an den Emotionen – es passieren wirklich zahlreiche schreckliche Dinge, mir ging allerdings nichts davon wirklich nahe oder konnte mich auch nur ansatzweise berühren. Die Schuld schiebe ich auf den Schreibstil der Autorin, vor allem aber auch auf die Figuren. Eine große Rolle spielte in diesem Roman auch die Musik, denn beide Familien, von denen hier berichtet wird, sind Musikerfamilien mit großem Talent für Noten. Aber auch das konnte mich nicht begeistern oder faszinieren, im Gegenteil, nach einer Weile war ich regelrecht genervt davon, wenn wieder über irgendwelche Sinfonien geschwafelt wurde. Für mich hat es die ohnehin schon sehr schleppende Handlung noch mehr ins Stocken gebracht.

Das klingt irgendwie alles sehr negativ und es stimmt auch, mir fällt irgendwie kaum etwas positives ein, was ich über dieses Buch erzählen kann. Sicher ist, ich kann die Botschaft wertschätzen, die dieses Buch vermitteln möchte, genauso, wie ich es gut finde, dass die Autorin aus persönlichen Erfahrungen schöpfen kann, denn ihre Familie ist selbst in den 60ern nach Kanada ausgewandert. Auch finde ich es immer gut, wenn ein Roman sich Themen widmet, die in der Vergangenheit totgeschwiegen wurden oder über die es bisher noch nicht so viel in fiktiver Form zu lesen gibt. Doch trotz allem sind mir diese 650 Seiten einfach zu schwer gefallen, als dass ich irgendetwas an diesem Buch tatsächlich lobend erwähnen könnte.


Für mich war „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ leider nicht das Buch, das ich mir erhofft hatte. Statt einer überwältigenden und ergreifenden Familiensaga bekam ich einen Roman, der mich letztendlich vor allem wegen seiner dichten Sprache, der umständlichen Erzählweise und den fahlen Charakteren enttäuscht hat. 

2 Kommentare zu „[Rezension] Madeleine Thien: „Sag nicht, wir hätten gar nichts“

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