[Rezension] Elena Favilli, Francesca Cavallo: „Good Night Stories for Rebel Girls“


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Elena Favilli, Francesca Cavallo / „Good Night Stories for Rebel Girls. 100 aßergewöhnliche Frauen“
aus dem Englischen übersetzt von Birgit Kollmann
Hanser Verlag, 25.09.2017
Gebunden, 224 Seiten, 24,00€

Inhalt

100 Geschichten über 100 beeindruckende Frauen, die die Welt bewegen – eine spannende Lektüre, illustriert von über 60 Künstlerinnen aus aller Welt

Sie sind ins All und über den Atlantik geflogen, haben den Erdball schon mit 16 umsegelt und die höchsten Gipfel in Röcken bestiegen. In allen Ländern und zu allen Zeiten gab es Frauen, die mutige Vorreiter waren, neugierige Entdeckerinnen, kluge Forscherinnen und kreative Genies. Herrscherinnen, die unter widrigsten Umständen ihre Länder regierten, Aktivistinnen, die gegen Ungerechtigkeit protestierten, Wissenschaftlerinnen, die unbekannte Pflanzen und gefährliche Tiere erforschten. Dieses Buch versammelt 100 inspirierende Geschichten über beeindruckende Frauen, die jedem Mädchen Mut machen, an seine Träume zu glauben. Eine spannende Lektüre, illustriert von über 60 Künstlerinnen aus aller Welt.

Meine Meinung

Viel zu oft wurden und werden die Frauen in der Geschichte unter den Tisch gekehrt, ihre Erfolge den Ehemännern zugeschrieben, ihre Namen und Taten vergessen. Wahre Helden, das können doch ohnehin nur die Männer sein, lautet(e) wohl das Credo und das, obwohl es vermutlich wesentlich mehr intelligente und kühne Frauen gab, als wir vermuten können.Von wie vielen rebellischen, mutigen, talentierten und klugen Frauen wir gar nicht erst etwas wissen, möchte ich mir gar nicht vorstellen – glücklicherweise haben die beiden Co-Autorinnen Elena Favilli und Francesca Cavallo sich die Mühe gemacht und die Geschichten von 100 außergewöhnlichen Frauen für uns gesammelt, die die Welt, in der wir leben, maßgeblich mitgeprägt haben.

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Und wäre allein dieser Grundgedanke nicht schon schön genug, so muss man das Buch nur aufschlagen und fällt direkt in neue Ausrufe der Begeisterung. Jede Frau erhält eine Doppelseite – auf der linken Seite wird ihre Geschichte verknappt erzählt und auf der rechten Seite befindet sich stets ein wahrer Blickfang: Eine große Illustration der jeweiligen Rebellin. Insgesamt 60 Künstlerinnen aus allen Teilen der Welt haben sich daran beteiligt und detailgetreue Bilder der Frauen in ihrem eigenen Stil interpretiert und illustriert. Für mich war es eines der größten Highlights, umzublättern und zu schauen, welche Frau sich auf der nächsten Seite befindet (ich kannte viele, aber lange nicht alle) und wie und von wem sie dargestellt wird. Dadurch habe ich etliche neue Künstlerinnen gefunden, denen ich direkt auf Instagram folgen musste, um keine neue Illustration zu verpassen.  Gleichzeitig fühlte ich mich irgendwie auch inspiriert dazu, selber zu zeichnen, zu malen oder einfach irgendetwas halbwegs brauchbares auf Papier zu bringen. Das ist mir zwar nicht so gut gelungen (deswegen gibt es auch keine Ergebnisse), aber die Lust ist trotzdem noch da und wer weiß, vielleicht werde ich mich 2018 weiter damit beschäftigen – und das alles nur, dank den Illustrationen in diesem Buch!

Neben einigen „klassischen“ Frauen, die in diesem Buch vertreten sind (etwa Astrid Lindgren, Jane Austen, Frida Kahlo, Malala Yousafzai, …), gab es – zumindest für mich – auch viele Frauen, von denen ich noch gar nichts gehört hatte oder deren Name mir zwar ein Begriff war, ich aber keine Geschichte mit ihm verknüpfen konnte. Die Auswahl war keine 0-8-15-Auswahl, sondern die Autorinnen haben sich wirklich Gedanken bei der Zusammenstellung gemacht – das wird auch daran deutlich, dass die Frauen beispielsweise unterschiedliche Kulturen, Ethnien, Religionen oder Behinderungen als Hintergrund haben, in unterschiedlichen Bereichen tätig waren, unterschiedliche Dinge erreicht haben. Auf eine solche Diversität hatte ich vorher gehofft und wurde auch absolut nicht enttäuscht.

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Nichtsdestotrotz – einen kleinen faden Beigeschmack hatte ich beim Lesen gelegentlich, denn bei der Auswahl einiger Frauen war ich doch verwundert, wie sie ihren Weg in dieses Buch gefunden haben. Teilweise waren die Biographien für meinen Geschmack auch etwas zu knapp und oberflächlich – ich weiß, es ist vermutlich unfassbar schwer, das Leben einer Person in eine einzige Seite zu pressen, aber oftmals hat es sich für mich einfach zu abgeschnitten angehört und es fehlten Aspekte, die möglicherweise noch interessant gewesen wären. Ich hätte mir manchmal auch einfach eine etwas differenzierte Auseinandersetzung gewünscht. Vor allem die Geschichten über vermeintliche Tierschützerinnen, Tyrannen aus der Geschichte oder Piratinnen, stießen bei mir ein klein wenig negativ auf. Es waren nicht viele Biographien, die so etwas in mir auslösten, aber doch genug, dass ich das an dieser Stelle einfach anmerken möchte. Gerade, weil das Buch vor allem für jüngere LeserInnen gedacht ist, finde ich es extrem wichtig, diese problematischen Darstellungen nicht zu verharmlosen, sondern offen anzusprechen und den Kindern auch als solche zu vermitteln. Natürlich ist das Buch keines über die unfehlbarsten Frauen unserer Geschichte, sondern über die Frauen, die zu ihrer Zeit und obgleich der damaligen Umstände viel erreicht haben, aber ich weiß trotzdem nicht, wie ich dazu stehen soll, dass sie in diesem Buch Erwähnung finden.

Dennoch ist dieses Buch ein unvergleichliches und wunderschönes Nachschlagewerk, von denen es derzeit einfach noch viel zu wenige gibt. Dabei brauchen wir mehr weibliche Vorbilder, mehr unabhängige, charismatische und couragierte Frauen, die ihr Leben nach eigenen Regeln gestalten, für ihre Rechte einstehen und kämpfen, auf Missstände aufmerksam machen, den Finger direkt in die Wunde legen, sich zusammenschließen, gegen bestehende Regeln, die ganz offensichtlich keinen Sinn machen, rebellieren und sich nicht den Mund oder andere Dinge verbieten lassen. Insofern freue ich mich, dass bereits ein zweiter Band in Planung ist und hoffe sehr, dass dort vielleicht noch mehr darauf geachtet wird, welche Frauen ihre Geschichte erzählen dürfen und welche vielleicht doch nicht so idealisiert werden sollten, wie es jetzt in diesem Buch getan wurde.

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Ein besonders cooles Extra ist übrigens die allerletzte Doppelseite, denn hier ist Platz, um die eigene Geschichte und das eigene Porträt ganz im Stile des restlichen Buches zu verewigen und sich in eine Reihe mit all den anderen Frauen zu stellen, die dieses Buch zu einem so besonderen Werk machen.


„Good Night Stories for Rebel Girls“ erzählt inspirierende Geschichten, steckt voller Überraschungen und hat mich vor allem aufgrund der wunderschönen Illustrationen sofort für sich gewinnen können. Für meinen Geschmack waren dann aber doch ein, zwei fragwürdige Biographien zu viel dabei, die ich für diesen Band als unpassend empfand. Das hat mir das Leseerlebnis insgesamt nicht vermiest, aber leider eben doch einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlassen.

Ich bedanke mich herzlich beim Hanser Verlag für das Bereitstellen eines Rezensionsexemplares!

10 Kommentare zu „[Rezension] Elena Favilli, Francesca Cavallo: „Good Night Stories for Rebel Girls“

Gib deinen ab

  1. Hey!
    Das Buch wartet schon eine Weile auf seinen Einsatz, ich denke dass ich im Urlaub jetzt endlich dazu kommen werde.
    Ich hatte gar nicht auf dem Schirm, dass es auch problematische, fragwürdige Biographien beinhalten wird.. gut zu wissen. Bin sehr gespannt wie ich das so empfinde.
    Zumal es, wie du schon angemerkt hast, auch für junge Leser sein soll.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    1. Hej liebe Nicci,
      ja, mich hat das auch sehr erstaunt, es sind aber auch wirklich nicht viele Biographien, die ich als problematisch empfinde. Trotzdem hätte man das etwas kritischer aufnehmen müssen finde ich, mir fehlt da irgendwie eine kindgerechte Auseinandersetzung. Ein zweiter Teil ist ja bereits Planung – mal sehen, wer dort vertreten sein wird!
      Liebe Grüße
      Liesa

  2. Inzwischen frage ich mich, ob die Autorinnen die grenzwertigen Fälle nicht doch ganz bewusst mit hereingenommen haben. Du erwähnst es ja schon kurz, es geht nich um perfekten Frauen, sondern um rebellische und irgendwie ist es doch auch wichtig jungen Menschen zu vermitteln, dass nicht jeder 100% perfekt sein kann bzw. muss. Wenn sie es neutral schildern, lassen sie den Lesern die Möglichkeit offen es selbst kritisch zu betrachten und das wünschen wir uns ja auch meistens. Aber ist nur ne Vermutung, vielleicht interpretiere ich da auch zu viel rein ;)

    1. Wenn dem so wäre, hätte ich es aber gut gefunden, wenn es wenigstens in einem Satz auch eine kritische Auseinandersetzung damit gegeben hätte. So war mir das dann doch einfach zu viel Lobgesang, aber kann schon sein, dass sie auch „unperfekte“ Frauen mit drin haben wollten, wer weiß. Hab auch nirgends ein Statement oder so dazu gefunden, bin aber schon gespannt, welche Frauen dann im angekündigten zweiten Band enthalten sein werden! :)

      1. Du kannst das sicher auch besser einschätzen, weil du die ganze Aufmachung des Buches gesehen hast. Da steht ja vielleicht auch im Vorwort was zur Auswahl der Frauen? Habe jetzt auch ein sehr kritisches Video von Jean (Bookish Thoughts) dazu gesehen, die hat sich sehr darüber aufgeregt, dass Margaret Thatcher in dem Buch ist.

  3. Tolles Konzept, auch wenn es schade ist, dass auch einige zweifelhafte Personen dabei sind. Allerdings hat das vielleicht auch etwas mit Diversität zutun.

    Ich habe vorher noch nichts über das Buch gehört und mich etwas über den Titel gewundert. Sind es in dem Sinne echt „Gute-Nacht-Geschichten“? Und richtet es sich an Mädchen oder ist es altersübergreifend?

    1. Für „Gute-Nacht-Geschichten“ sind die Storys doch recht kurz – sie gehen immer nur eine Seite und stellen das Leben der jeweiligen Frau sehr verknappt dar. Ich finde aber, dass es ein Buch für jedes Alter ist, auch wenn es vorwiegend für Kinder konzipiert wurde, habe ich auch als Erwachsene viel lernen können und mich an den kurzen Biografien erfreut!

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