[Rezension] Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore – Band 1: Eine Idee erscheint“


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Haruki Murakami / „Die Ermordung des Commendatore Band I:
Eine Idee erscheint“
aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Dumont Verlag, 22.01.2018
480 Seiten, Gebunden mit Folienumschlag, Lesebändchen und Farbschnitt, 26,00€

Inhalt

Allein reist der namenlose Erzähler und Maler ziellos durch Japan. Schließlich zieht er sich in ein abgelegenes Haus, das einem berühmten Künstler gehört, zurück. Eines Tages erhält er ein äußerst lukratives Angebot. Er soll das Porträt eines reichen Mannes anfertigen. Nach einigem Zögern nimmt er an, und Wataru Menshiki sitzt ihm fortan Modell. Doch der Ich-Erzähler findet nicht zu seiner alten Fertigkeit zurück. Das, was Menshiki ausmacht, kann er nicht erfassen. Wer ist dieser Mann, dessen Bildnis er keine Tiefe verleihen kann?
Durch einen Zufall entdeckt der junge Maler auf dem Dachboden ein meisterhaftes Gemälde. Es trägt den Titel ›Die Ermordung des Commendatore‹. Er ist wie besessen von dem Bild, mit dessen Auffinden zunehmend merkwürdige Dinge um ihn herum geschehen, so als würde sich eine andere Welt öffnen. Mit wem könnte er darüber reden? Da ist keiner außer Menshiki, den er kennt. Soll er sich ihm wirklich anvertrauen? Als er es tut, erkennt der Ich-Erzähler, dass Menshiki einen ungeahnten Einfluss auf sein Leben hat.

Meine Meinung

Ich habe mich fast nicht getraut, mit diesem Buch zu beginnen. Es ist bei Lieblingsautoren ja doch oft so: Man schätzt sie und weiß, dass sie eigentlich nur Sensationelles aufs Papier bringen und man ist jedesmal bei einem neuen Werk etwas ehrfürchtig und hat dann aber doch irgendwie Angst, dass man zu hohe Erwartungen hat, möglicherweise enttäuscht wird oder der Lieblingsautor nicht mehr an das anknüpfen kann, was er vielleicht früher veröffentlicht hat. So ist es mit „Die Ermordung des Commendatore“ zum Glück nicht, ich muss aber dennoch gestehen, dass meine Begeisterung sich nach den ersten paar Seiten doch etwas in Grenzen hielt…

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Das Buch beginnt sehr ruhig und unspektakulär und bleibt es für die ersten 100 Seiten auch. Der namenlose Protagonist ist Maler (er malt in erster Linie Porträts) und ein typischer Murakami-Protagonist: ruhig, pragmatisch, ehrlich und doch sehr einfach gestrickt. Er wird überraschenderweise nach sechs Jahren Ehe von seiner Frau verlassen, setzt sich daraufhin ins Auto und startet eine Rundreise durch Japan. Schließlich landet er in dem Haus, in dem der berühmte Maler und inzwischen demente Vater einer seiner Studienkollegen lebte, bevor er krank wurde und darf fürs erste dort wohnen bleiben. Das Haus liegt abgeschieden und ruhig auf einer Seite eines Berges. Während seiner Zeit dort entdeckt er nicht nur ein seltsames Gemälde auf dem verborgenen Dachboden, sondern freundet sich außerdem auch mit Menshiki an, der auf der anderen Seite des Berges in einer prachtvollen Villa lebt und den von Anfang an eine seltsame und mysteriöse Aura umgibt. Unser Protagonist soll ein Porträt für ihn anfertigen – doch damit beginnen eine Reihe sonderbarer Dinge…

Murakami ist und bleibt Meister des Erzählens. In meinen Augen schafft es niemand, so nüchtern und dennoch im genau richtigen Tonfall banale und surreale Dinge zu schildern und verschiedene Welten miteinander zu vermischen, als wäre überhaupt nichts besonderes dabei. Dennoch hatte ich an manchen Stellen das Gefühl, die Geschichte würde zu schleppend vorankommen. Für mich war der Protagonist alles andere als die tragende Erzählkraft, vielmehr brachte erst Menshiki die Handlung zum Laufen und erst nach seinem ersten Auftreten hatte ich das Gefühl, dass es richtig losgeht. Spannend war es dennoch, den Gedanken unseres Protagonisten zu lauschen. Ich bin absolut keine Kunstkennerin, dennoch faszinierte es mich, wie er versuchte, den künstlerischen und persönlichen Wurzeln des Künstlers, der vor ihm in dem Haus lebte, zu ergründen und zu erklären – auch wenn ich bis zum Schluss nicht wusste, wohin genau das führen soll, aber das wird dann sicherlich der zweite Band offenbaren – das hoffe ich jedenfalls.

Generell setze ich größere Hoffnungen in den zweiten Band. Nicht, dass mir der erste jetzt nicht schon sehr gefallen hätte; die Themen, mit denen Murakami hier spielt und wie er unsere Welt wieder einmal kunstvoll mit Wunderlichkeiten aus einer Parallelwelt verwebt ist einfach grandios, aber dennoch blieb die große Spannung aus – auch wenn es durchaus einige Wendungen gab, die ich nicht erwartet habe und die mich neugierig auf mehr gemacht haben. Ein Kapitel lang saß ich wie auf glühenden Kohlen, weil ich so nervös war, wie Murakami das wohl auflösen will. Ich habe dennoch das Gefühl, dass wir erst im zweiten Band die großen Wahrheiten und Überraschungen erfahren und die Dinge so richtigrichtig in Gang kommen – das heißt aber auch, dass wir uns noch etwas in Geduld üben müssen…

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Ich bin mir sicher, wer Murakami mag, wird auch diesen mögen. Für mich las es sich bisher ein wenig so, wie eine Mischung aus „Mister Aufziehvogel“ und „1Q84“ – beide gehören zu meinen Lieblingswerken von Murakami und ich hab das gute Gefühl, dass zusammen mit Band II auch „Die Ermordung des Commendatore“ ganz weit oben in meiner Rangliste landen wird. Murakami vermag es einfach, mich stundenlang an die Seiten seiner Romane zu fesseln, mich mit interessanten Ideen und Gedanken zu überraschen, mit Kunst und Musik zu inspirieren und mich noch Stunden und Tage später über das Gelesene nachdenken zu lassen. Auch wenn sich viele seiner Romane sehr ähnlich sind (was ich übrigens absolut nicht als Kritikpunkt werte), offenbart er doch in jedem Werk eine etwas andere Perspektive, lockt mit anderen Geschichten, Umgebungen und Einfällen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie neugierig ich jetzt schon auf den zweiten Band bin, der übrigens am 16.04.2018 erscheinen wird. Wie soll ich die Wartezeit bis dahin nur überbrücken?


Für alle Murakamibegeisterten und die, die es noch werden wollen, organisiert Dumont übrigens eine wirklich wunderbare Aktion. Am Sonntag, 28.01.2018 ab 10 Uhr wird auf Twitter gelesen und über Murakami geschwärmt, was das Zeug hält. Es gibt über den Tag verteilt Aufgaben, Fragen und vieles mehr – folgt einfach dem @dumontverlag und dem Hashtag #MurakamiLesen um nichts zu verpassen! Ich werde auf jeden Fall so aktiv sein wie möglich und freue mich schon, euch dort zu treffen!

Weitere Rezensionen zu dem Buch:

pinkfisch.net

frau-hemingway.de

BücherKaffee

Ich bedanke mich außerdem herzlich für das Zusenden eines Buches – noch nie habe ich mich so sehr über ein Leseexemplar gefreut!

9 Kommentare zu „[Rezension] Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore – Band 1: Eine Idee erscheint“

Gib deinen ab

  1. Sehr schöne Rezension! Hätte ich schon was von Murakami gelesen, würde ich spätestens jetzt noch schnell eine Online-Buchbestellung tätigen… ;-) Da das aber (leider) nicht der Fall ist – welches seiner Werke würdest du mir denn für den Anfang empfehlen? Ich will endlich verstehen, was ihr alle so toll an ihm findet! :-D

    Liebste Grüße! <3

    P.S. Ich mag es übrigens sehr, wie du das Buch auf den Bildern präsentierst – richtig gelungene Fotografien!

    1. Ach, wie lieb von dir, dankeschön! Murakami ist ein sehr besonderer, fast schon spezieller Autor, deswegen empfehle ich für den Anfang immer ganz gerne seine Kurzgeschichtenbände. Ich selbst habe mit „Der Elefant verschwindet“ begonnen – die Kurzgeschichten geben einen guten Einblick in seinen Stil und seine Erzählweise und man kann antesten, ob man damit überhaupt warm wird oder ob Murakami vielleicht doch nichts für einen ist. Falls du Kurzgeschichten nicht so gern magst, würde ich mit einem kurzen Buch beginnen – vielleicht „Sputnik Sweetheart“, „Naokos Lächeln“ oder „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“. Ich bin gespannt, was du von ihm halten wirst!
      Und danke für die lieben Worte zu den Fotografien! Ich bin gerade dabei, von der Handykamera wegzukommen und ein bisschen „professionellere“ und schönere Bilder zu machen und es freut mich total, wenn das gut ankommt! <3
      Viele liebe Grüße!

      1. Danke für diese ausführliche Antwort! :D
        Dann werde ich gleich mal ein bisschen auf Goodreads stöbern – mal sehen, wofür ich mich entscheide. Früher oder später wirst du es definitiv erfahren!
        Viele liebe Grüße zurück – hab ein schönes Wochenene! <3

  2. Jetzt habe ich mich endlich getraut deine Rezension zu lesen! Habe das Buch gestern fertig gelesen und heute meine Rezension geschrieben, damit ich ohne Fremdeinflüsse urteilen kann. :D
    Schade, dass dich der erste Band nicht komplett mitreißend konnte. Hoffentlich schafft es dann das Gesamtwerk. :)
    Was mich etwas gestört hat, waren die kurzen Wiederholungen, die er stellenweise eingefügt hat. Dadurch, dass – wie du auch erwähnt hast – eigentlich gar nicht so viel passiert, haben die eher meinen Lesefluss gestört.
    Ansonsten bin ich wie du gespannt, mit was der zweite Band aufwartet. :D

    Außerdem kann ich libriabella nur zustimmen: Deine Beitragsfoto sind wirklich magisch!

    1. Vielen Dank für deine lieben Worte! Ich weiß genau, was du mit den störenden Wiederholungen meintest. Das ist vielleicht ganz gut für Menschen, die wochen- oder gar monatelang an einem Buch lesen, mich hat es aber auch etwas verwundert und gestört, weil ich das Buch in zwei Tagen ausgelesen habe und mich daher noch sehr genau an alles erinnern konnte. Mal sehen, was der zweite Band uns noch bringen wird! :D

  3. Ich liebäugele schon seit langem mit dem Buch und es steht auf meinem Merkzettel. Allerdings weiß ich nicht so recht, ob es etwas für mich ist. Ich mag manchmal auch die Ruhe und tolle Beschreibungen, aber länger als 150 Seiten halte ich soetwas nicht aus. Spannung und Veränderung ist mir schon wichtig.
    Vielleicht sollte ich daher mit einem anderen Buch des Autors starten.

    Svenja von Bücherfieber

    1. Hej liebe Svenja,
      danke für deinen Kommentar! In dem Fall: Probiere es doch einfach mal mit seinen Kurzgeschichten – da baut sich die Spannung etwas schneller auf, als in seinen Romanen!
      Liebe Grüße
      Liesa

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