[Rezension] Kent Haruf: „Lied der Weite“


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Kent Haruf / „Lied der Weite“ (engl. „Plainsong“)
aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein
Diogenes Verlag, 12.01.2018
Gebunden mit Schutzumschlag, 384 Seiten, 24,00€

Inhalt

Holt, eine Kleinstadt in Colorado. Die siebzehnjährige Victoria Roubideaux ist schwanger. Den Vater des Kindes, eine Sommerliebe, kennt sie kaum. Aber sie will das Kind unbedingt zur Welt bringen, auch wenn ihre Mutter sie deswegen aus dem Haus geworfen hat. Durch die Vermittlung ihrer Lehrerin Maggie Jones kommt Victoria auf der Farm von Raymond und Harold McPheron unter, zwei rauhbeinigen, unverheirateten alten Viehzüchtern, die mehr Ahnung von Kühen als von Menschen haben. Doch je größer Victorias Bauch wird, desto weniger klar wird gleichzeitig, wem mit diesem Arrangement mehr geholfen ist: dem Mädchen oder den alten Herren. Es ist möglich, die Einsamkeit zu durchbrechen – auch für Maggie, die ihren betagten Vater pflegt, auch für ihren Lehrerkollegen Tom Guthrie und seine beiden Söhne, die von ihrer Mutter verlassen wurden.

Meine Meinung

Mit einer kaum in Worte zu fassenden Zärtlichkeit beschreibt Kent Haruf das Leben in der Kleinstadt Holt, genauso feinsinnig, wie er es schon in „Unsere Seelen bei Nacht“ getan hat. Ohne viel Aufhebens und mit einer sprachlichen Eleganz, die vor allem durch ihre Einfachheit glänzt, führt er das Leben verschiedener Menschen in dieser Stadt zusammen, denen vor allem eines gemeinsam ist – die Einsamkeit.

Und vielen einsamen Menschen begegnen wir in „Lied der Weite“. Der 17jährigen Victoria, die schwanger ist und von ihrer Mutter hochkant herausgeschmissen wird, den jungen Brüdern Ike und Bobby, die zusammen mit ihrem Vater leben und die darunter leiden, dass ihre depressive Mutter sie verlassen hat, ihr Vater Guthrie, der Lehrer an der High School ist und dort Probleme mit einem seiner Schüler austrägt, Maggie Jones, ebenfalls Lehrerin, die Victoria erst bei sich aufnimmt, aber nachdem Probleme mit ihrem dementen Vater auftreten, dafür sorgt, dass das Mädchen bei den McPheron Brüdern Harold und Raymond unterkommt und die McPheron Brüder, meine liebsten Figuren in diesem Buch, die ihr Leben lang auf ihrer Farm lebten, ohne Frau und ohne Kinder und die sich Victoria mit einer Liebenswürdigkeit annehmen, die mich fast zu Tränen rührte. Jede dieser Figuren trägt gewiss einen riesigen Ballast aus der Vergangenheit herum, trotzdem lesen wir nur von dem, was ihnen in der Gegenwart widerfährt, auch erfahren wir kaum etwas von den Gedanken der Figuren, es gibt keine inneren Monologe.

Anfangs war ich unsicher, wohin das Ganze führen sollte. Die Kapitel sind aus den unterschiedlichen Perspektiven der Figuren erzählt und gerade auf den ersten 100 Seiten wirkt alles etwas zusammenhangslos und man weiß nicht so recht, was der eine Handlungsstrang mit dem anderen zu tun haben soll. Zu Beginn wirkt es gar wie eine einfache Aneinanderreihung alltäglicher Gegebenheiten, ohne jeglichen roten Faden; erst später entwirrt sich alles etwas und die verschiedenen Teile ergeben ein großes Ganzes. Dabei wird die Geschichte in einem sehr gemächlichen und unaufgeregten Tonfall erzählt. Es wird nichts dramatisiert oder emotionalisiert, ganz nüchtern und einfach berichtet Haruf von dem Kleinstadtleben und dem, was den Figuren widerfährt, bleibt aber dennoch alles andere als distanziert. Jede der Figuren wuchs mir ans Herz, auch wenn ich nur Bruchteile ihres Lebens miterleben durfte und kaum etwas über ihre innersten Hoffnungen und Wünsche erfahren konnte.

Was mir schon an „Unsere Seelen bei Nacht“ sehr gefiel, ist die Menschlichkeit und Alltäglichkeit, in der Kent Haruf seine Geschichten erzählt. Jede der Figuren fühlt sich unglaublich echt an, seine Romane erzählen von den Problemen der Menschen, vor allem von Einsamkeit, Gewalt, Depression und Tod, gleichzeitig aber auch von Zuneigung, Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft. Ich zumindest habe beim Lesen von Kent Harufs Geschichten direkt Bilder vor Augen, von der Kleinstadt, ihren Bewohnern, der ländlichen Stimmung.


Das Besondere an Kent Harufs Büchern ist für mich, dass ich, je länger ich darüber nachdenke, umso begeisterter von ihnen bin. Auch wenn es keinen wirklichen Spannungsbogen gibt und die Handlung manchmal eher gemächlich vor sich hinplätschert, erzählt er Geschichten, die dazu führen, dass ich auf mein eigenes Leben blicke, all die kleinen, schönen Dinge darin wahrnehme und einfach nur zufrieden bin. Das alles tut er in einer so schönen, warmen und feinsinnigen Sprache, dass ich nicht anders kann, als euch seine Bücher ans Herz zu legen!

Mit herzlichen Dank an den wunderbaren Diogenes Verlag, der mir ein Rezensionsexemplar dieses Buches zukommen ließ!

2 Kommentare zu „[Rezension] Kent Haruf: „Lied der Weite“

Gib deinen ab

  1. Huhu!

    Deine Rezension spricht mir aus der Seele – ich war auch besonders verzaubert von den beiden McPherons, die sich so verwirrt und fast schon hilflos in das Abenteuer stürzen, in ihrem Alter noch eine Art Vaterrolle zu übernehmen. Da ging mir oft wirklich das Herz auf, und ich war richtig aufgebracht, als Victoria sie zwischendurch so einfach hängen ließ!

    Ich muss das Buch noch eine Nacht sacken lassen, bevor ich meine Rezension schreibe, ich habe es eben erst beendet.

    LG,
    Mikka

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