[Rezension] Jesmyn Ward: „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“


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Jesmyn Ward / „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ („Sing, Unburied, Sing“)
aus dem Englischen von Ulrike Becker
Kunstmann Verlag, 14.02.2018
Gebunden mit Schutzumschlag, 304 Seiten, 22 €

Inhalt

Jojo und seine kleine Schwester Kayla leben bei ihren Großeltern Mam and Pop an der Golfküste von Mississippi. Leonie, ihre Mutter, kümmert sich kaum um sie. Sie nimmt Drogen und arbeitet in einer Bar. Wenn sie high ist, wird Leonie von Visionen ihres toten Bruders heimgesucht, die sie quälen, aber auch trösten. Mam ist unheilbar an Krebs erkrankt, und der stille und verlässliche Pop versucht, den Haushalt aufrecht zu erhalten und Jojo beizubringen, wie man erwachsen wird. Als der weiße Vater von Leonies Kindern aus dem Gefängnis entlassen wird, packt sie ihre Kinder und eine Freundin ins Auto und fährt zur »Parchman Farm«, dem staatlichen Zuchthaus, um ihn abzuholen. Eine Reise voller Gefahr und Hoffnung.

Meine Meinung

Während viele Leser Jesmyn Ward bereits durch ihren Debütroman Vor dem Sturm kennen, muss ich gestehen, dass ich erst durch ihren neuen Roman auf sie aufmerksam geworden bin. Als ich „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ in der Vorschau sah, sprach es mich aus zweierlei Gründen direkt an. Zum einen, weil Jesmyn Ward sowohl mit ihrem Debüt, als auch mit diesem Buch mit dem National Book Award ausgezeichnet worden ist, zum anderen, weil die Geschichte so schlicht und doch so interessant klang, so, als würde noch viel mehr dahinterstecken, als der Vorschautext vermuten ließ, was letztendlich meines Empfindens nach auch der Fall war.

Der Roman erzählt eine harte und ungemütliche Geschichte, eigentlich sogar mehrere eindrucksvolle Geschichten, denn auf den wenigen Seiten schafft die Autorin es, verschiedene Themen und unterschiedliche Generationen zu Wort kommen zu lassen, sie miteinander zu verweben. Eine zentrale Rolle spielt dabei eine (gebrochene) Familie; Jojo und seine jüngere Schwester Kayla werden von ihrem Großvater und der krebskranken Großmutter aufgezogen, ihre Mutter, Leonie, ist den Drogen verfallen, unzuverlässig und lieblos im Umgang mit ihren Kindern, sehnt sich nur nach deren Vater Michael, der nun aus dem Gefängnis entlassen wird. Zusammen mit ihren Kindern und einer Arbeitskollegin und Freundin will sie ihn dort abholen – was sich als abenteuerliche Reise entpuppt.

Abwechselnd wird die Geschichte von Jojo und Leonie erzählt; auch eine dritte Erzählperspektive kommt später hinzu. Jojo ist 13 und auf seinen Schultern lastet bereits die ganze Welt. Mich nahm besonders das Verhältnis zwischen ihm, seiner Schwester und seiner Mutter mit. Kayla und Jojo kleben förmlich aneinander, können nicht ohne den anderen und haben eine der zärtlichsten Geschwisterbeziehungen, von denen ich je lesen durfte. Dagegen blieb Leonie mir bis zum Ende des Buches zuwider. Ihre Art, mit den Kindern umzugehen, sich vor sich selbst zu rechtfertigen, ihr Leben so zu leben, wie sie es tat. Natürlich steckte weitaus mehr dahinter, als sich anfangs vermuten lässt – etwa, dass Leonie von Michaels Eltern, die weiß sind, komplett abgelehnt wird, oder dass sie, wenn sie Drogen nimmt, ihren Bruder Given vor sich sieht, der in jungen Jahren ermordet wurde. Wirklich ergreifend aber keinesfalls sentimental illustriert Jesmyn Ward den täglichen Kampf mit Armut in einem von Rassismus geplagtem Land und verschont den Leser dabei keineswegs. Ihre Sprache ist schlicht und dennoch so gewaltig, dass man sich teilweise erdrückt davon fühlt und keine Luft mehr bekommt. Und doch kann man nicht aufhören weiterzulesen, denn auch wenn es wehtut, so weiß man doch im tiefsten Inneren, dass das, was die Autorin beschreibt, wahr ist, dass das der ganz normale Alltag von tausenden Menschen ist.

Daneben spielt aber auch die Vergangenheit eine große Rolle und vermischt sich auf fast schon magische Weise mit der Gegenwart. Hier kommt auch die bereits erwähnte dritte Erzählperspektive ins Spiel, Richie, ein schwarzer Junge, den Jojos Großvater während seiner Zeit im Gefängnis kennenlernte. Erst wusste ich nicht so viel anzufangen, mit den Fäden, die Jesmyn Ward hier auslegte, aber im Laufe des Buches spitzt sich das Ganze immer weiter zu und das Geheimnis um Richies Schicksal wird aufgelöst und wirft nochmal ein ganz anderes Licht auf die Figuren.

Ich finde es unglaublich schwer, dem Buch irgendwie gerecht zu werden. Während ich diese Rezension schreibe, habe ich mehrmals Absätze gelöscht, wieder hinzugefügt, habe Sätze verschoben und umgestellt und bin trotz allem nicht zufrieden damit, weil das Buch so viel mehr ist als das, was ich hier geschrieben habe. Vor allem ist es aber menschlich – hier wird niemand verurteilt oder glorifiziert, hier haben alle Figuren ihre Fehler gemacht und gestehen sich diese auch ein. Das Buch ist so dermaßen komplex (vermutlich bin ich auch deswegen so unzufrieden mit meiner Rezension, weil ich es nicht alles in diesen wenigen Zeilen erfassen und auf den Punkt bringen konnte), es ist so dermaßen komplex und intensiv und man fühlt sich nach dem Lesen auch, als hätte man einen Stein verschluckt, weil es so vielschichtig und schwer ist, aber ich empfehle es dennoch weiter. Weil es wichtig ist. Weil Jesmyn Ward wirklich unglaublich schreibt. Weil es kein Friedefreude-Buch ist, sondern ein echtes, eines, dass das Leben ungeschönt und von allen Seiten zeigt, eines, das eine kaputte und trotzdem irgendwie liebevolle Familie zeigt. Give it the hype it deserves!

Vielen Dank an den Verlag für das Zusenden eines Rezensionsexemplars!

Weitere Besprechungen zu dem Buch gibt es hier:

wortgelueste

nochmehrbuecher

frau-hemingway

paper and poetry

leseninvollenzuegen

5 Kommentare zu „[Rezension] Jesmyn Ward: „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“

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  1. Wow, das klingt nach einem wahnsinnig guten Buch! Ich habe inzwischen schon so oft auf Instagram gesehen, dass ich unbedingt mal eine Rezension dazu lesen wollte und deine konnte gleich überzeugen. Ich hoffe, ich komme bald dazu, es zu lesen. :]

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