[Rezension] Mareike Fallwickl: „Dunkelgrün fast schwarz“


IMG_3842

Mareike Fallwickl / „Dunkelgrün fast schwarz“
Frankfurter Verlagsanstalt, 05.03.2018
Gebunden mit Schutzumschlag, 480 Seiten, 24,00 €

Inhalt

Raffael, der Selbstbewusste mit dem entwaffnenden Lächeln, und Moritz, der Bumerang in Raffaels Hand: Seit ihrer ersten Begegnung als Kinder sind sie unzertrennlich, Raffael geht voran, Moritz folgt. Moritz und seine Mutter Marie sind Zugezogene in dem einsamen Bergdorf, über die Freundschaft der beiden sollte Marie sich eigentlich freuen. Doch sie erkennt das Zerstörerische, das hinter Raffaels stahlblauen Augen lauert. Als Moritz eines Tages aufgeregt von der Neuen in der Schule berichtet, passiert es: Johanna weitet das Band zwischen Moritz und Raffael zu einem fatalen Dreieck, dessen scharfe Kanten keinen unverwundet lassen. Sechzehn Jahre später hat die Vergangenheit die drei plötzlich wieder im Griff, und alles, was so lange ungesagt war, bricht sich Bahn – mit unberechenbarer Wucht.

Meine Meinung

Selten habe ich es bei einem Buch erlebt, dass die Präsenz in den Sozialen Medien schon Monate vorher so dominierte und auch jetzt, knapp einen Monat nach Erscheinungstermin, kaum abnimmt. „Dunkelgrün fast schwarz“ hat meine Neugierde vor allem aus diesen Gründen geweckt: Schon im Januar hat ein großer Teil meiner Lieblingsinstagramer das Buch in die Kamera gehalten, davon geschwärmt und auch für mich klang der Klappentext nach genau der Art Geschichte, die mich fesselt, die etwas düster ist und mich mit sich in ihren Abgrund zieht. Und das tat dieses Buch auch – wenn auch der Hype in meinen Augen ein klitzekleines bisschen zu viel verspricht.

Um Moritz und Raffael geht es vor allem. Die beiden lernen sich mit drei Jahren kennen, als Marie, Moritz Mutter, aus Wien in ein einsames Bergdorf im Salzburger Land zieht, in dem sie niemanden kennt. Der Vater der Kinder bleibt noch in Wien, um dort sein Medizinstudium zu beenden. Motz und Raf sind sofort unzertrennlich – auch wenn Marie schnell klar wird, dass die Freundschaft zwischen den beiden keine natürliche ist, Raffael eine bösartige Ader hat, Kinder – und auch Erwachsene – verletzt, ausnutzt, manipuliert, erniedrigt, kontrolliert. Ganz im Gegensatz zu Moritz, der eher ruhig und schüchtern ist und es nicht wagt, etwas schlechtes über seinen besten Freund zu sagen. Der Roman springt zwischen verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven und ergibt so nach und nach ein Gesamtbild der Charaktere und der Beziehungen zwischen ihnen. Daneben erzählt aber auch Marie aus ihrer Perspektive, berichtet wie sie schwanger geworden ist, wie sehr sie mit dem Umzug, dem abwesenden Ehemann zu kämpfen hat, wie fremd sie sich den Menschen im Dorf fühlt und wie sie eine Affäre mit einem anderen Mann beginnt. Für Motz und Raf dagegen wird es erst richtig kompliziert, als Johanna, die ihre Eltern bei einem Unfall verloren hat, im Abschlussjahr zu ihnen an die Schule kommt, sich mit den beiden anfreundet und vor allem das Leben von Moritz durcheinanderbringt.

„Die ganze Sache war genau so, wie mit Raf befreundet zu sein. Das Schlimmste und das Beste zugleich.“– S. 119

Wenn ich das so niederschreibe, klingt es irgendwie wie eine banale Geschichte von Freundschaft und Erwachsenwerden, etwas, das man schon hundertfach gelesen hat und von dem man sich nichts Großartiges erwartet. Der Eindruck trügt jedoch – „Dunkelgrün fast schwarz“ ist anders. Die Geschichte von dieser vergifteten, gefährlichen Freundschaft bäumt sich auf, ist vulgär, schonungslos, aber manchmal auch schön, vor allem ehrlich und echt. Moritz ist Synästhetiker, das heißt, er nimmt Charaktere und Stimmungen als Farbe wahr, was ich unfassbar spannend und für die Geschichte auch passend fand. Dazu kamen die verschiedenen Perspektiven und Verstrickungen, die sich beim Lesen wie eine enge Schlinge um mich legten und einen regelrechten Sog auf mich auswirkten. Ich habe das Buch in wenigen Sitzungen verschlungen, einfach, weil ich es nicht mehr weglegen konnte. Ich habe die Charaktere förmlich vor mir gesehen, ihre Verzweiflung, ihre Erhabenheit, ihr Unbehagen geschmeckt. Das waren keine 0-8-15-Figuren, wie man sie in jedem zweiten Roman wiederfindet, das waren tiefgründige und komplexe Charaktere, denen ich mich teilweise richtig nahe fühlte, weil die Autorin sie mit einer heftigen Eindringlichkeit zu beschreiben wusste, keinen Halt vor menschlichen Abgründen machte, sie im Gegenteil eher noch weiter freilegte, öffnete, nur um den Finger direkt in die Wunde zu legen und fest zuzudrücken. Beim Lesen habe ich nach einiger Zeit einen richtigen Druck gefühlt, habe gespürt, wie sich die Emotionen immer und immer weiter ansammelten, bis es am Schluss zum Platzen kam. Den Knall hatte ich zwar irgendwie größer, heftiger erwartet – und das ist für mich auch der Knackpunkt, weswegen ich es „nur“ mit 4 Sternen bewerte. Ich habe lange, wirklich lange über das Ende nachgedacht, ehe ich diese Rezension schrieb; habe mir andere Besprechungen durchgelesen, habe selbst nochmal ein paar Passagen gelesen und es sacken lassen, bin aber dennoch zu dem Entschluss gekommen, dass das Ende zwar passt, mir aber trotzdem einfach nicht gewaltig genug war.

„Aber eins sag ich dir Moritz: Irgendwann wirst du erkennen, dass manche Menschen nur leuchten, indem sie andere ins Dunkle schubsen.“ – S. 302

Ganz bestimmt liegt es aber nicht am schriftstellerischen Vermögen von Mareike Fallwickl, denn sie schreibt unglaublich atmosphärisch, unmissverständlich und mit Nachdruck. Ich habe es nicht oft, dass sich ein Buch so intensiv anfühlt, mich immer wieder überrascht, sich gelegentlich auch unangenehm anfühlt – es war ein wirklich besonderes Lesegefühl, weil ich mich teilweise gefühlt habe, als stünde ich direkt neben den Charakteren. Trotzdem das Ende in meinen Augen nicht ganz mit der restlichen Geschichte mithalten kann, will ich unbedingt, dass jeder dieses großartige und packende Buch liest. Weil es etwas anderes ist, weil es einen mitreißt, weil es einen umhaut.

Vielen Dank an die Frankfurter Verlagsanstalt für das Zusenden eines Rezensionsexemplares!

Weitere lesenswerte Besprechungen zu dem Buch findet ihr hier:

Buecherkaffee – Frau Hemingway – Bücherkompass – Kaffeehaussitzer – Literatourismus – Lecture of Life – Die Liebe zu den Büchern – Nordbreze – Wunderliteratur – paper and poetry – schon halb elf

3 Kommentare zu „[Rezension] Mareike Fallwickl: „Dunkelgrün fast schwarz“

Gib deinen ab

  1. Mich hat das Buch bisher weder angesprochen, noch interessiert. Aber dass ein Synästhetiker im Fokus steht, finde ich sehr interessant, da ich das auch bin und bisher nie davon gelesen habe. Wandert definitiv auf die Wunschliste :D

    Liebe Grüße und frohe Ostern,
    Sarah

  2. Dieses Buch ist völlig an mir vorübergegangen, aber es klingt nach etwas was auf meine Wunschliste wandert. Eine schöne Rezension!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: