[Liebesbrief] Ein Interview mit Catharina Junk


Es ist kein Geheimnis, dass ich großer Fan von „Auf Null“/“Liebe wird aus Mut gemacht“ war und auch der neue Roman von Catharina Junk wurde von mir sehnlichst erwartet und direkt verschlungen. „Bis zum Himmel und zurück“ erzählt die tragische, aber auch chaotische Familiengeschichte von Drehbuchautorin Katja, die mehr schlecht als recht durchs Leben wankt, auf der Suche nach sich selbst, der Liebe aber auch beruflichem Erfolg. Ich durfte die Autorin mit Fragen löchern – und habe diese Chance natürlich sofort ergriffen…

catharina junk

Catharina, in Deinem Debütroman hast Du viel aus Deinem eigenen Leben mit in den Roman eingeflochten und auch in „Bis zum Himmel und zurück“ gibt es wieder Parallelen zu Deinem Leben; die Protagonistin ist wie Du auch Drehbuchautorin. Wieviel mehr steckt noch von der „echten“ Catharina in dem Buch?

Es gibt tatsächlich noch eine weitere Gemeinsamkeit: Wie Katjas Vater hat auch mein Vater ebenfalls in der Raumfahrt gearbeitet. Ich bin mit diesem Thema aufgewachsen und wollte diese Erfahrung schon immer einmal in eine Geschichte einfließen lassen. Genau wie die mitunter sehr merkwürdigen, demütigenden und lustigen Erfahrungen, die ich teilweise als Drehbuchautorin gemacht habe.

Katjas Papa arbeitet mit an der Rosetta-Mission, einem Forschungsprojekt im Weltall – generell spielt das All eine wirklich große Rolle in der Geschichte. Musstest Du viel recherchieren?

Ja, denn ich wusste nicht besonders viel über Kometen, obwohl sie mich schon immer fasziniert haben. Dann habe ich festgestellt, dass die Rosetta-Mission perfekt zu meiner Geschichte passt: Ich habe mich an die realen Daten gehalten und die Handlung entsprechend angepasst. So bildet die gesamte Kometen-Mission einen zeitlichen Rahmen für Katjas Geschichte von der Kindheit bis zur Gegenwart.

Wie stehst Du persönlich zu Jesse Eisenberg? :)

Ich mag ihn als Schauspieler, aber ansonsten interessiert er mich nicht besonders. Aber meiner Heldin Katja geht es da etwas anders, weil er sie an jemanden erinnert. So gesehen, ist es also auch gar kein celebrity-crush.  Aber das realisiert sie erst später.

Der Roman spielt zu großen Teilen in der Gegenwart, enthält aber auch immer wieder Rückblenden aus der Vergangenheit. Wie bist Du schreibtechnisch da rangegangen? Hast Du beides immer abwechselnd geschrieben oder Dich den Teilen getrennt gewidmet und sie erst zum Schluss wieder zusammengeführt?

Ich habe die Geschichte im Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit geschrieben, aber im Schreibprozess manchmal die Rückblenden im Text verschoben, weil sie an anderer Stelle besser passten und sich der Rhythmus dadurch so veränderte, wie ich es für richtig hielt.

Ich finde den Weg zum Titel immer total spannend – wie war es bei Dir? Hast Du den Titel direkt zu Beginn so geplant oder hat es sich eher intuitiv im Laufe des Schreibprozesses so ergeben?

Das ergab sich im Schreibprozess, denn der Titel ist ja ein Zitat aus dem Text. Selten haben meine Geschichten – ob Drehbuch oder Roman – am Ende den Titel, den ich mir am Anfang einmal überlegt habe.

In Deinem Roman geht es um so viele Themen: den Tod eines jungen Familienmitglieds, eine alkoholkranke Mutter, ein abwesender Vater, Beziehungs- und Arbeitsprobleme und dann ist Katja auch noch psychisch nicht gesund. Wie schaffst Du es, so vielen verschiedenen Problemen Raum zu geben, ohne dabei oberflächlich oder abgedroschen zu wirken (denn das tust Du wirklich überhaupt nicht)? Und wie schwer fiel es Dir, über Katjas selbstverletzendes Verhalten zu schreiben? Gibt es eine konkrete Intention hinter dem Roman?

Zunächst einmal: Danke für das nette Kompliment! Was die Frage betrifft, so erschrecke ich selbst manchmal, wenn ich die vielen Themen meines Romans in einer Aufzählung lese. Das habe ich am Anfang so nicht geplant, es hat sich während der Arbeit an der Geschichte ergeben. Das Thema Autoaggression interessiert mich allerdings schon sehr lange und ich habe mich bereits ausführlich damit auseinandergesetzt. Aus diesem Grund war es nur eine Frage der Zeit, dass es irgendwann einmal in einer meiner Geschichten auftauchen würde. Die anderen Facetten entwickelten sich dann aus der Frage: Was ließ Katja so werden? Und da ich jede einzelne Figur ernstnehmen möchte, haben auch die anderen Personen in der Geschichte ihre eigenen Verstrickungen.

Wenn Du das Buch in einem Satz zusammenfassen müsstest – wie würde dieser lauten?

Eine bitter-süße Familiengeschichte über verschleppte Schuldgefühle, nervenaufreibende Fernsehserien und unerforschte Kometen.

Ich musste laut auflachen, als Katja in die Buchhandlung von Susanne, der neuen Frau ihres Vaters, geht und dort über ein Buch stolpert, in dem es um „eine junge Frau geht, die nach einer schweren Erkrankung wieder zurück ins Leben findet“ – eine wirklich gelungene Hommage an Deinen Debütroman! Wie leicht bzw. schwer fiel Dir das Schreiben von „Bis zum Himmel und zurück“ denn im Vergleich zu „Auf Null“?

„Bis zum Himmel und zurück“ war für mich aufreibender als mein Debüt, weil ich vorher nur geahnt aber nicht gewusst habe, wie sehr mich der Weg meiner Hauptfigur durch die Geschichte emotionale beanspruchen würde. Bei „Auf Null“ wusste ich vorher schon, wie die einzelnen Entwicklungsschritte Ninas sein würden, weil ich sie aufgrund meiner eigenen Krankheitsgeschichte schon selbst erlebt hatte. Bei Katja war das anders und ich habe mit ihr Gefühlszustände durchgemacht, die auch für mich recht intensiv waren und mich relativ unvorbereitet getroffen haben.

Catharina Junk
(C) Kerstin Schomburg

Welcher Prozess gefällt Dir am Schreiben bzw. Veröffentlichen am meisten?

Der Moment, wenn ich den Punkt hinter den letzten Satz tippe und denke: „Geschafft. Endlich.“

Ich habe Katja mehr als bewundert, weil gleichzeitig so viele familiäre aber auch berufliche Probleme auf sie einschlugen – ich glaube, ich wäre an ihrer Stelle völlig überfordert gewesen. Wie schaffst Du es, so dermaßen authentische und nahbare Figuren zu kreieren und wie verläuft bei Dir der Prozess von der groben Idee zur ausgearbeiteten Figur?

Nachdem ich mich für ein Thema entschieden habe, beginne ich, die Hauptfigur zu entwickeln. Das ist ein Prozess, der zunächst einmal nur in meinem Kopf und nicht auf dem Papier stattfindet. Ich denke über sie nach, wie über einen Menschen, den ich gerade neu kennengelernt habe und erfinde mehr und mehr Details, die ihren Charakter ausmachen. Irgendwann beginne ich mit dem Schreiben und lasse die Figur sprechen. Das ist mit meinem Beruf als Drehbuchautorin durchaus vergleichbar: In dem Moment des Schreibens bin ich die Figur selbst und bin erst mit dem Text zufrieden, wenn ich ihr Denken und Handeln nachvollziehbar finde. Damit ist nur die Logik der Figur an sich gemeint, nicht die Frage, ob sie gerade sympathisch, klug oder irrational handelt. Im Gegenteil, ich bin davon überzeugt, dass Figuren erst durch Widersprüche, Brüche und Schwächen nahbar und stimmig werden. Das bezieht selbstverständlich auch die Nebenfiguren mit ein. Sie bringen stets noch eine völlig neue Dynamik in die Geschichte und setzen die Hauptfigur wiederum in Bewegung, zwingen sie (und mich), sich zu entscheiden und weiterzuentwickeln.

Legst Du direkt zu Beginn einen Namen fest und baust darum herum den Charakter auf oder ergibt sich der Name erst währenddessen?

Die Namensfindung ist für mich eher eine unbequeme Nebensache. Manchmal habe ich schon 50 Seiten geschrieben und weiß immer noch nicht, wie meine Hauptfigur heißt. Ich suche immer nach Namen, die nicht zu außergewöhnlich sind und wohl eher aus Ratlosigkeit habe ich mich bisher bei beiden Romanen für Kurzformen meines eigenen Namens entschieden: Nina und Katja. Bei den Nebenfiguren fällt es mir viel leichter.

Was ist Deine liebste Nervennahrung, Dein liebstes Getränk beim Schreiben?

Fritz Cola zuckerfrei und Schokolade. Beides sehr ungesund, leider.

Wie kamst Du darauf, von den Drehbüchern auch zu „richtigen“ gedruckten Büchern zu wechseln?

Davon abgesehen, dass ich seit meiner Kindheit unbedingt irgendwann einmal Romane schreiben wollte, wusste ich, dass die Geschichte von „Auf Null / Liebe wird aus Mut gemacht“ im Film- und Fernsehbereich nur eine sehr kleine, wenn nicht sogar keine Chance haben würde. Das hat verschiedene Gründe und da mir die Idee besonders am Herzen lag, wollte ich einmal einen anderen Weg ausprobieren. Aber auch bei den Verlagen wurde ich mit der Idee zu „Auf Null“ nicht sofort mit offenen Armen empfangen – das Thema „Krebs“ ließ die Leute zögern. Erst als ich den Literaturförderpreis der Stadt Hamburg gewonnen habe, bekam ich schließlich einen Vertrag angeboten.

Wie ähnlich sind sich die Schreibprozesse und macht Dir eines von beiden ein kleines bisschen mehr Spaß?

Beim Fernsehen und Film ist es eine wichtige Aufgabe des Autors, die Drehkosten und –bedingungen im Blick zu haben. Bestimmte Ideen passen nicht ins Budget und solche Beschränkungen beeinflussen somit auch die Geschichte. Beim Schreiben eines Romans gilt das nicht, denn eine Seite Papier kostet immer so viel, wie eine Seite eben kostet, egal, was darauf passiert. Fürs Fernsehen oder Kino schreibe ich häufiger im Team, was immer sehr viel Spaß macht, und auch der fertige Film ist immer ein Gemeinschaftsprodukt, weil die Kreativität so vieler Menschen eingeflossen ist. Die Arbeit an einem Roman ist etwas einsamer, was ich aber auch sehr schätze, und das Ergebnis stammt dann wirklich nur von mir. Beide Arbeitsprozesse sind sich trotzdem ähnlich, beide haben Vor- und Nachteile, und ich kann gar nicht sagen, was ich bevorzuge. Ich liebe beides.

Gibt es einen Autor/eine Autorin oder einen Kindheitshelden, die Dich inspirieren?

Ich würde sagen, jeder Text, den ich gelesen und jeder Film oder jede Serie, den oder die ich geschaut habe, haben mich beeinflusst. Auch die, die ich gar nicht mochte. Die Helden meiner Kindheit waren Pippi Langstrumpf und Karlsson vom Dach.

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Deine Bücher werden oft in den Sozialen Medien gezeigt und besprochen, wie fühlt sich das für Dich an? Zieht es Dich runter bzw. beflügelt es Dich, wenn Du Rezensionen liest? Oder machst Du darum ohnehin einen großen Bogen?

Bisher habe ich wirklich viel Glück, weil es so viele sehr nette und positive Rückmeldungen gibt. Dass ein Buch nicht jedem gefallen kann, ist mir natürlich klar. Wenn sich jemand kritisch über eine meiner Geschichten äußert, dann schaue ich, ob ich daraus für meine Arbeit etwas Hilfreiches ziehen kann. So komisch das klingt: Gewisse Kritikpunkte sind manchmal auch ein Kompliment für mich. Zum Beispiel hassen viel Leserinnen die Figur „Ratko“ aus „Bis zum Himmel und zurück“. Ich freue mich darüber, denn es war natürlich meine Absicht, dass die Figur polarisiert. Sobald ich aber merke, dass jemand in seiner Kritik höhnisch, gehässig oder anders abwertend argumentiert – auch in Kritiken zu Büchern anderer Autorinnen und Autoren -, lese ich nicht weiter. Dieser Umgang mit Literatur, und damit auch Menschen, interessiert mich nicht.

Und wie reagiert Dein Umfeld auf Dich als Autorin? Nehmen Dich Freunde, Familie und Bekannte anders wahr und lesen Menschen aus Deinem Bekanntenkreis auch Deine Bücher?

Ich bekomme sehr viel Zuspruch und Unterstützung von meinem Umfeld. Sogar Leute, die ich jahrelang nicht gesehen oder gesprochen haben, melden sich plötzlich und schreiben, dass sie eines meiner Bücher gelesen haben oder gratulieren mir sehr herzlich. Das ist wirklich ganz toll und ich freue mich jedes Mal unglaublich darüber. Ansonsten hat sich aber wirklich überhaupt nichts verändert, denn mein Alltag ist derselbe wie auch vor fünf oder zehn Jahren: vormittags arbeiten und nachmittags und am Wochenende Familie und Freunde. Na ja, und bei Termindruck auch mal die eine oder andere Nachtschicht. So wie bei den meisten anderen Menschen auch.

Welche Projekte hast Du Dir für die nähere Zukunft vorgenommen? Wird es noch weitere Romane von Dir geben (ich hoffe es sehr!) oder widmest Du Dich vorerst anderen Dingen?

Aktuell schreibe ich zwei Drehbücher für die Kinderserie „Die Pfefferkörner“. Dort bin ich seit einigen Jahren im Autoren-Team und ich liebe es, für Kinder zu schreiben. Während ich dieses Interview beantworte, bin ich gerade in Cannes auf der miptv, einer Serien-Messe. Wir haben hier unser Thriller-Serien-Konzept „The Sources of Evil“ in einem Wettbewerb präsentiert und überraschenderweise gewonnen. Wenn wir dieses Projekt finanziert bekommen, würde ich als nächstes die Drehbücher dafür schreiben. Ich habe aber auch schon ein, zwei Ideen für einen nächsten Roman und mache mir bereits Notizen…

 

5 Kommentare zu „[Liebesbrief] Ein Interview mit Catharina Junk

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  1. Sehr spannender Beitrag, wirklich! Vor allem dieser Vergleichen zwischen dem Schreiben von Drehbüchern und Romanen finde ich wahnsinnig interessant, da ich ehrlich gesagt gar nicht so viel über die Arbeit von Drehbuchautoren weiß.

    Ich mochte „Auf Null“ auch schon unglaublich gerne. Das neue Buch habe ich noch nicht gelesen, es steht aber schon im Regal und wartet nur auf den richtigen Moment!

    Liebe Grüße
    Juliana

  2. Ein wirklich spannendes Interview, das ich gerne gelesen habe. Vielen Dank! Über die Frage, ob Catharina Junk tatsächlich abwechselnd über die Vergangenheit und die Gegenwart geschrieben hat, habe ich auch nachgedacht – und lag scheinbar falsch. Ich kam zu dem Schluss, dass sie bestimmt erst die Vergangenheit und dann die Gegenwart komplett geschrieben und dann im Wechsel zusammengesetzt hat. :)

  3. „Auf Null“ möchte ich ja schon seit Jahren lesen und auch der neue Roman der Autorin klingt toll! Ein wirklich interessantes Interview. :)

  4. Wie cool, dass du die Chance hattest, eine Autorin zu interviewen, die du sagst! Deine Fragen haben mir sehr gut gefallen und Catharina Junk klingt echt total sympathisch! Ihre Bücher werde ich auf jeden Fall mal im Hinterkopf behalten. <3

  5. Ein wirklich tolles und interessantes Interview. Deine Fragen sind wirklich gut! Ich war auf einer Lesung von Catharina Junk, sie ist wirklich sehr sympathisch und lustig.
    Liebe Grüße

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