[Rezension] Lize Spit: „Und es schmilzt“


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Lize Spit / „Und es schmilzt“
aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
S. Fischer Verlag, 24.08.2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 512 Seiten, 22€

Inhalt

Mit geschlossenen Augen hätte Eva damals den Weg zu Pims Bauernhof radeln können. Sie könnte es heute noch, obwohl sie viele Jahre nicht in Bovenmeer gewesen ist. Hier wurde sie zwischen Rapsfeldern und Pferdekoppeln erwachsen. Hier liegt auch die Wurzel all ihrer aufgestauten Traurigkeit.
Dreizehn Jahre nach dem Sommer, an den sie nie wieder zu denken wagte, kehrt Eva zurück in ihr Dorf – mit einem großen Eisblock im Kofferraum.

Meine Meinung

Ich bin eigentlich großer Freund davon, dass Bücher wehtun, ihren Finger in Wunden legen und mich aufrühren, emotional berühren und nachdenklich machen. Als ich las, das „Und es schmilzt“ als ein Buch gehandelt wird, das alles gibt und alles verlangt wusste ich also schon, dass ich es unbedingt lesen muss. Gepackt hat es mich schon, beeindruckt aber leider nicht so, wie ich es gehofft hatte.

Hauptsächlich spielt die Geschichte in Evas Kindheit, einer sehr zerrütteten Kindheit, in einem kleinen Dorf. Hier kennt jeder jeden, die Einwohner sind überschaubar und so werden in dem Jahr, in dem Eva geboren wurde, nur zwei weitere Jungen, Pim und Laurens, geboren, mit denen sie sich unweigerlich anfreundet. Bruchstückhaft springt der Text zwischen drei Zeitebenen – dem Sommer 2002, in dem alles passierte, einigen Erinnerungen aus der Zeit davor und der Gegenwart, 13 Jahre nach dem schicksalshaften Sommer. Dabei erfahren wir immer mehr über Evas Kindheit, ihre Familie, die alkoholisierten Eltern, der jüngeren Schwester, die mit Hilfe vieler – für Außenstehende extrem seltsame – Rituale versucht, die schwierigen Familienverhältnisse und die Vernachlässigung, der die Kinder ausgesetzt sind, zu ertragen. Auf den ersten Seiten scheint alles zwar etwas verkorkst aber dennoch sehr friedlich, erst im Laufe des Buches kippt die Stimmung immer mehr, bis es zur Eskalation kommt.

Es wird einfach immer bedrückender und beklemmender. Pim und Laurens entfremden sich immer mehr von Eva, benutzen sie nur für ihre eigenen Vorhaben, nehmen sie als Mädchen bzw. junge Frau nicht voll, sowieso ist es eine sehr eigene und auch eigenartige Freundschaft, die sie da pflegen. Aus Mangel an weiblichen Freundinnen und einer liebevollen Mutter ist Eva ziemlich auf sich allein gestellt, hat keine wirkliche Bezugsperson und keine Identifikationsfigur. Eva als Charakter empfand ich oft als sehr undurchsichtig, ach, eigentlich ging es mir mit allen Figuren so. Ich fand keinen Draht zu ihnen, konnte ihre Handlungen nicht nachvollziehen und alles in ein zueinander passendes Bild einfangen. Ich glaube deswegen kam ich auch mit der Schlüsselszene nicht zurecht – klar, es hat sich angedeutet, dass etwas Schreckliches passieren wird und ich finde es auch gut und richtig, dass die Autorin das eingehend, aber doch sehr nüchtern beschreibt, nichts abkürzt oder verschönt, aber gleichzeitig konnte ich es einfach nicht in die Geschichte einordnen, fand es unsinnig und brutal und hatte das Gefühl, es wäre nur deswegen Teil der Geschichte, um den Leser möglichst zu schocken und zu traumatisieren. Ja, die Freundschaft – und vieles andere in dem Buch – war toxisch, aber für mich gibt es einfach keinerlei Motiv, dass den Figuren gerecht wird und irgendwie ins Bild passt. Herzlosigkeit, Egoismus, Grausamkeit ja, aber für mich passte das einfach nicht, war zu unrealistisch und einfach zu viel des Guten (bzw. Schlechten).

Der Gegenwart-Erzählstrang machte für mich dann schon wieder viel mehr Sinn. Hier hatte ich nur leider das Gefühl, das ein paar mehr Informationen nicht geschadet hätten, gerade was die familiären Entwicklungen – die ich mitunter am spannendsten fand – betraf. Später wird auch klar, was es mit dem Eisblock auf sich hat (in der Hinsicht stand ich ziemlich lange auf dem Schlauch und begriff erst im Laufe der zweiten Hälfte des Romans, wozu dieser denn eigentlich gut sein sollte). Aber ich glaube selbst wenn man das Rätsel kennt und schon früher darauf kommt, nimmt es der Handlung nichts vorweg. Außerdem mochte ich den Schreibstil unglaublich gerne. Meistens war dieser zwar sehr schlicht und zurückgenommen, aber dennoch dicht genug, um zwischen den Zeilen ganze Stimmungen und Gefühle zu transportieren und für einen (oder vielleicht auch mehrere) Klöße im Hals zu sorgen.


Dieses Buch ist kein Spaziergang und es ist auch keine Friede Freude Eierkuchen Sommergeschichte von drei Freunden auf dem Land. Dieses Buch ist viel mehr – und dennoch hat es einen faden Beigeschmack bei mir hinterlassen, weil sich der Höhepunkt so konstruiert und gerade Eva sich im Laufe des Buches immer distanzierter für mich anfühlte. „Ein Buch das alles gibt und alles verlangt“ – das habe ich so leider nicht empfunden. Mir hat es leider kaum etwas gegeben und dafür einfach ein bisschen zu viel abverlangt. 

5 Kommentare zu „[Rezension] Lize Spit: „Und es schmilzt“

Gib deinen ab

  1. Mhh, deine Rezension macht mich trotz der negativen Aspekte irgendwie neugierig. Der Inhalt hört sich jedenfalls spannend an. Ich bin generell jemand, der sich gerne selbst eine Meinung bildet.

  2. Ich will das Buch schon seit Ewigkeiten lesen, weil ich einfach wissen muss, was alle mit „schokierend“ und „heftig“ meinen. Irgendwie schreckt mit das ab, macht mich gleichzeitig aber auf verdammt neugierig. Ich werde es mir zum Herbst hin mal aus der Bibliothek ausleihen und der Sache auf den Grund gehen. Eine tolle Rezension von dir! :)

    Liebe Grüße
    Maren

    1. Danke liebe Maren! Missbookiverse mochte das Hörbuch dazu total gerne – vielleicht wäre das für dich ja auch eine Möglichkeit. :) Und ja – dass das Buch diesen „Schock“-Effekt hat, hat mich auch erst so richtig neugierig gemacht, ich bin sehr gespannt, ob es dich von sich überzeugen kann!

      Liebe Grüße
      Liesa

  3. Echt schade, dass es dich nicht so überzeugen konnte. Mich hat es ja total gepackt mit seinen Figuren, vielleicht hat das Hörbuch da auch ein bisschen mitgeholfen. Ich würde sogar die Freundschaft der 3 (bis zu jener Szene) gar nicht unbedingt als toxisch beschreiben. Klar, nutzen die Jungs Eva auch aus, aber ich finde insgesamt sind sie bis zu jenem Zeitpunkt ja auch oft ein gutes Team, das Eva über ihre Situation zu Hause weghilft. Und den Zeitstrang in der Vergangenheit fand ich tatsächlich auch wesentlich interessanter als den der Gegenwart. Ich bin sehr gespannt, was die Autorin als nächstes schreibt. So ein Buch muss ja erst mal getoppt werden, ob du es nun mochtest oder nicht ;D

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