[Off Topic] Jeden Tag lesen – wie geht das?


Von mir selbst würde ich nie behaupten, wirklich viel zu lesen – ich verschwende viel zu viel Zeit mit Nichtigkeiten und sinnlosem Kleinkram und könnte mit Sicherheit doppelt so viel lesen, wenn ich meinen Tag auch nur einen Ticken effektiver nutzen würde. Dennoch macht mich der Gedankengang mancher Fragender manchmal recht stutzig. „So viel Zeit wie du hätte ich auch gerne, dann würde ich auch so viele Bücher schaffen“ ist wohl der Klassiker der unschönen Vorwürfe, die man als Person, die mehr als das durchschnittliche Urlaubsbuch im Jahr liest, über sich ergehen lassen muss und – zumindest ich für meinen Teil – weiß nie, wie ich schlagfertig, aber ohne genauso verletzend zu sein, darauf reagieren soll. Daher habe ich mir überlegt, wie man an die Sache herangehen kann – denn letztendlich ist es alles nur eine Frage der Priorisierung und Zeiteinteilung. Mit diesen Tipps habe ich die Welt nicht neu erfunden, aber  wer weiß, möglicherweise ist für den ein oder anderen dennoch ein hilfreicher Punkt dabei.

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(c) Hoang Bin // via 

Das Zeitproblem.

Eine der wichtigsten Fragen ist vermutlich die, wann genau man Zeit für Bücher einplanen soll. Morgens? Aber ich muss doch eh schon so früh aufstehen. Auf der Zugfahrt? Ich fahr doch nur 15 Minuten und meistens ist der Zug so voll, dass ich eh stehen muss. Mittags? In der Pause unterhalte ich mich lieber mit meinen Kolleginnen oder erledige Einkäufe. Abends? Da bin ich immer so müde und außerdem will ich ja auch Zeit mit meinem Partner, Freunden oder Netflix verbringen.

So betrachtet gibt es gar keinen Zeitpunkt, der auch nur ansatzweise zulässt, ein Buch zu lesen – aber es gibt ihn halt doch, wenn man ihn nur zulässt und sich die Zeit freiräumt! Ich habe für mich festgestellt, dass ich Abends wirklich kaum lese, weil ich tatsächlich zu unkonzentriert bin und mich lieber von Serien berieseln lasse. Dafür versuche ich gerade – auch wenn es schwer fällt – morgens eher aufzustehen und eine halbe Stunde Lesezeit zu ermöglichen. So eine feste Zeit, die man notfalls auch in den Kalender einträgt und für andere Aktivitäten blockt, stellt das Lesen auf eine ganz andere Ebene und räumt ihm eine viel größere Priorität ein. So mache ich es übrigens oft auch mit unangenehmen Dingen, die ich sonst nur ewig vor mich herschieben würde – einfach zeitlich fixieren, in den Kalender schreiben und dann darf auch nicht mehr daran gerüttelt werden, sondern es wird einfach gemacht.

Der Klassiker ist ja außerdem auch, immer ein Buch dabei zu haben – wenn sich mal blöde Wartezeiten ergeben oder man im Zug doch einen Sitzplatz ergattert, kann man die Zeit hervorragend mit einem mitgebrachten Buch nutzen und muss nicht einer der Menschen sein, die nur an ihrem Smartphone hängen. Spart übrigens auch Datenvolumen.

Das Ablenkungsproblem.

Ich schau nur noch kurz auf Instagram und huch, Moment, ich habe eine Benachrichtigung auf Twitter, ach die WhatsApp-Nachricht beantworte ich auch noch schnell… Hände hoch, wer dieses Szenario kennt! So sehr ich mein Mobiltelefon liebe, manchmal ist es einfach nur stressig, weil es so bequem ist, sich stundenlang durch irgendwelche Seiten zu scrollen und auf jedes Aufleuchten einer neuen Nachricht direkt zu reagieren. Man will nur kurz irgendwas nachschauen und macht dann noch drölfzigmillionen andere Dinge, bis man merkt, dass man schon wieder eine Stunde in den Sand gesetzt hat.

Klar, man kann für die Zeit, in der man andere Dinge wie z.B. den Haushalt erledigt einfach den Flugzeugmodus anstellen und hat dann Ruhe, ich nutze aber auch gerne die Forest-App. Für eine bestimmte Zeit, die man selber einstellen kann, darf man das Handy nicht mehr nutzen, denn sonst stirbt der virtuelle Baum ab, der in dieser Zeit gepflanzt wird. Klingt albern, aber mit jedem Baum sammelt man auch Taler, mit denen man später sogar echte Bäume pflanzen kann und am Ende eines lesereichen Tages hat man dann auch seinen eigenen kleinen Wald, was einem zwar nicht viel bringt, aber irgendwie doch ein schönes Gefühl hinterlässt.

Außerdem: Schaffe dir zu Hause einen gemütlichen und ruhigen Leseort, den du immer zum Lesen aufsuchen kannst! Schalte während des Lesens Fernseher, Laptop und den restlichen pipapo aus. Verbinde das Lesen mit Nützlichem – starte z.B. eine Waschmaschine und die Zeit, die die Wäsche braucht, ehe sie fertig zum Aufhängen ist, nutzt du für deine aktuelle Lektüre. Es gibt sie, die freien Spots am Tag, die wie dafür gemacht sind, um ein Buch in die Hand zu nehmen – man muss sie nur erkennen und ergreifen!

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(c) Pixabay // via

Das Motivationsproblem.

Im Gegensatz zum Netflixen ist Lesen einfach „anstrengender“. Man muss das Buch halten, blättern, aktiv die Buchstaben aneinanderreihen und das Gelesene zu einem sinnvollen Ganzen verknüpfen. Dementsprechend fällt es auch mir manchmal oft schwer, ein Buch überhaupt erst in die Hand zu nehmen – einfach nur, weil man vom Tag geschafft ist und seinem Gehirn eine Ruhepause gönnen will.

Was mich dennoch motiviert: Mein Reading Tracker, der mir genau anzeigt, wieviel ich wann gelesen habe, mein Blog/Instagram, auf dem ich mich hinterher über die gelesenen Bücher austauschen kann, meine ellenlange Leseliste, mit so vielen Büchern, die ich noch unbedingt lesen möchte, andere Blogs/Instagrams, die mir zeigen, welche Bücher noch auf meine Liste sollten. Für mich ist es immer wieder aufs Neue mit einer gewissen Zufriedenheit und irgendwie auch Genugtuung verbunden, sobald ich ein Buch beende und dieses Gefühl ist für mich oft Motivation genug.

Gerade was Instagram (oder auch andere Soziale Medien und sogar das Real Life) angeht, sehe ich einen weiteren großen motivierenden Vorteil darin, Gleichgesinnte zu finden, (Online-)Bookclubs abzuhalten, gemeinsame Leserunden zu veranstalten. So ein „Book Buddy“ ist schon was feines und wenn der Lesegeschmack ein ähnlicher ist, hat man immer jemanden, der einen mit Empfehlungen überschüttet, die man für sich nochmal auf eigene Tauglichkeit überprüfen kann.

Mich spornt es außerdem auch an, bestimmte Reading Goals, sprich Leseziele, zu haben. Diese sollten realistisch sein aber doch so hoch, dass sie nicht unmittelbar zu erreichen sind. Dabei geht es mir nicht nur um die Anzahl gelesener Bücher im Jahr, sondern auch um bestimmte Genres oder Formate, die ich öfter lesen bzw. nutzen möchte. Meistens schaffe ich meine ambitionierten Ziele nicht mal ansatzweise, aber es tut gut, gerade auch wenn man mal neue Dinge ausprobiert oder sich einfach der Herausforderung neuer Genres oder Formate stellt.

Aber Achtung: Manchmal hilft es auch ganz schlicht, in sich zu gehen und zu überlegen, wieso man ein Buch nicht weiterlesen mag. Nicht immer liegt es an der eigenen Antriebslosigkeit, manchmal liegt es auch einfach am Buch, das einen – zumindest in diesem Augenblick bzw. diesem Lebensabschnitt – nicht zusagt. Dann sollte man auch den Mut haben, das Buch einfach unbeendet aus dem Sichtfeld zu verbannen und zu einem neuen zu greifen. Bei Entscheidungsschwierigkeiten, was man als nächstes lesen sollte, ist es übrigens auch hilfreich, sich einen kleinen Stapel mit 4-6 Büchern aus dem Regal zu ziehen und von allen das erste Kapitel zu lesen. Ganz oft spürt man sofort, welches dieser Bücher man unbedingt sofort weiterlesen möchte.

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(c) Roman Kraft // via

Die Alternativen.

Für viele Situationen, in denen man – zumindest körperlich – beschäftigt ist, gibt es inzwischen tolle Alternativen, die während dieser Aktivitäten auch eine geistige Beschäftigung zulassen. Natürlich spreche ich von Hörbüchern, was irgendwie auch ironisch ist, weil gerade ich noch die ein oder anderen Schwierigkeiten damit habe, mich wirklich auf Hörbücher einzulassen. Aber vielleicht geht es dir ja anders damit – die Möglichkeiten sind heute ja schon nahezu unbegrenzt. Auf Spotify gibt es eine riesige Auswahl an Hörbüchern und ansonsten kann man auch auf (analoge) Bibliotheken zurückgreifen oder Online-Dienste wie BookBeat (für Vielhörer) oder Audible (für hin-und-wieder-Hörer) für sich ausprobieren. Gerade wer viel (mit dem Auto) unterwegs ist oder es aber genießt, beim Haushaltsputz eine literarische Begleitung zu haben – es lohnt sich auf jeden Fall, es mal auszuprobieren und sich eventuell überraschen zu lassen, wie sehr man es genießt.

Der Spaßfaktor.

Klar ist aber eines: Lesen sollte nie ein Zwang sein, sondern Spaß machen. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass jeder gerne liest – die, die es nicht tun oder glauben, dem wäre nicht so, haben bisher einfach noch nicht die passende Lektüre für sich gefunden. Was ich aber eigentlich damit sagen möchte: Lesen macht Spaß und Lesen sollte immer mit etwas Positivem assoziiert werden. Bau dir deswegen deine eigenen kleinen Leserituale, z.B. ein bestimmtes Getränk, das du dir immer für deine Lese-Sessions zubereitest, eine besonders kuschlige Decke, die du immer zum Lesen hervorholst, ein leckerer Snack, den du dir während deiner Lektüre gönnst. Lies zu Hause, lies in einem Café, lies im Park, lies im Bus – lies einfach wo, wann und wie es dir gefällt! Quäle dich nicht damit, bestimmte Bücher zu lesen, nur weil die Masse sie gerade liest, sondern lies, was dir gefällt und was dich unterhält. Sei mutig genug, Bücher, die dich langweilen wieder wegzulegen und schäme dich nicht dafür, wenn du einen vermeintlichen Schundroman in der Öffentlichkeit liest. Bücher sind Bücher und Bücher sind toll. Oder so.


Lasst uns doch versuchen, im September jeden Tag eine bestimmte Anzahl von Seiten zu lesen! Ich habe bereits im August wieder mit dem Bullet Journaling und einem Reading Tracker begonnen und unheimlich große Lust darauf, mich selbst dieser Herausforderung zu stellen. Wer ist dabei? 

17 Kommentare zu „[Off Topic] Jeden Tag lesen – wie geht das?

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    1. Danke, voll lieb von dir! Ist echt nicht so, als hätte ich die Welt neu erfunden, aber ich hab den Artikel halbfertig in meinen Entwürfen gefunden und dachte, es wäre ein ganz guter Lückenfüller. :’D Ich wundere mich übrigens gerade – mir wurde seit Mai kein neuer Blogpost von dir angezeigt (ich folge deinem Blog über Bloglovin), aber du hast ja reichlich gebloggt, muss jetzt erstmal nachholen. :D

      1. Ich finde, der Artikel ist eigentlich gar kein Lückenfüller, sondern ein vollwertiger Beitrag :D
        Huh, gut dass du mir das sagst, danke. Bloglovin zeigt tatsächlich seit Mai keine meiner neuen Beiträge mehr an und ich rätsele gerade, woran das liegt (bestimmt irgendwas mit DSGVO :P). Ich versuche das Problem zu lösen, aber bisher bin ich noch ein wenig ratlos.

  1. Schön, dass du mehrere Aspekte ansprichst. Bei mir ist Zeit so gut wie nie ein Problem, die Motivation da schon viel eher. Ich gehöre auch zu den Menschen, die abends nicht lesen können oder wollen, weil die Konzentration da nicht mehr so groß ist. Viele mögen es ja, vor dem Schlafen ein paar Seiten ins Bett zu gehen, aber wenn ich ins Bett gehe, dann bin ich auch müde und unkonzentriert. Dafür finde ich Bahnfahrten oder Pausen in der Uni perfekt dafür und nutze sie immer zum Lesen.
    Die Ausrede „dafür habe ich keine Zeit“ finde ich bescheuert, weil es allgemein gesprochen einfach eine Lüge ist. Vor allem hört man sowas gern von Menschen, die dann z.B. in der Bahn eine Stunde lang nur gelangweilt aus dem Fenster schauen und sich danach über fehlende Freizeit beschweren.

    1. Vielen Dank liebe Jacquy für deinen Kommentar! Ich halte das Zeitproblem auch immer für eine ziemlich fade Ausrede – klar, manchmal gibt es wirklich Wochen oder Monate, in denen es echt stressig zugeht und Zeit zum Problem wird, aber das permanent als Grund vorzuschieben ist irgendwie doch sehr scheinheilig.

  2. Ein sehr lesenswerter und differenzierter Beitrag!
    Beim Händyproblem ist meine Hand ganz schnell in die Höhe geschnellt, das kenne ich nur zu gut. Ähnlich ergeht es mir, wenn ich verschiedene Tabs und Browser al Laptop geöffnet habe, dann springe ich auch immer von einem zum anderen und verblöde meine Zeit.
    Manchmal habe ich aber auch gerne einfach etwas „freie“ Zeit, beim Bahn fahren lasse ich gerne meine Gedanken einfach mal schweifen und gucke zum Fenster raus.
    Manchmal würde es mich also schon wunder nehmen, wie viele Seiten ich pro Tag so lese, vielleicht versuche ich mich mal an einem Reading Tracker. Mal schauen, ob ich genügend Ausdauer habe für sowas :)

    1. Oh ja, da sagst du was, am PC vertrödle ich auch gerne mal Stunden und weiß hinterher nicht einmal mehr genau, was ich in dieser Zeit überhaupt angestellt habe…
      Und probier das mit dem Reading Tracker unbedingt mal aus, ich finde das echt spannend und freue mich voll, meine gelesenen Seiten immer einzutragen. :D

  3. Erstmal finde ich es super, dass du das Thema so offen ansprichst.
    Interessant finde ich, dass irgendwie alle ihre Probleme mit Handy und Fernseher haben. Dazu kann ich sagen: Ich besitze schon seit Jahren keinen Fernseher mehr und wegen gewisser Telekom-Schwierigkeiten habe ich seit 4 Monaten kein Internet mehr Zuhause (im Niemandsland, wo ich wohne, gibt es auch kein! mobiles Netz!). (Ja, es ist die Hölle! Ja, ich hoffe, dass das Problem jetzt dann behoben ist! Aber das tut nichts zum Thema ;) ) Da könnte man auf jeden Fall meinen, ich hätte genug Zeit, um massenhaft Bücher zu lesen. Tatsächlich schaffe ich nun mehr Seiten pro Woche als früher. Aber, Zeit ist halt nicht alles. Ein ganz wichtiger Punkt ist echt die fehlende Motivation! Die manchmal auch einfach am Buch liegt…
    Danke also für den schönen und ehrlichen Beitrag :)

  4. Ein schöner Post, in dem ich mich gut wiederfinden kann, weil mir das alles so bekannt vorkommt – vor allem das nahezu vorwurfsvolle: „ICH hätte ja nicht so viel Zeit, das alles zu lesen.“ Puh. ;)

  5. Ein super Post! Ich habe für mich auch festgestellt, dass ich morgens am besten lesen kann, wobei ich mich momentan allerdings oft unkonzentriert fühle und deswegen keine Motivation habe. Ablenken lasse ich mich leider auch sehr leicht, aber ich versuche ja, daran zu arbeiten. Funktioniert bisher nur noch nicht ganz. :D Bei deiner September-Aktion wäre ich übrigens gerne dabei! :)

  6. Ein richtig toller, hilfreicher Beitrag :)
    Ich lese am liebsten abends, dadurch komme ich ganz gut zur Ruhe und kann den Tag angenehm ausklingen lassen.
    Wenn die Arbeit aber sehr stressig war oder ich gedanklich noch nicht bereit fürs Lesen bin schalte ich auch lieber mit Netflix ab.
    Handys sind richtige Zeitkiller, ich merke das immer wieder. Dieses typische „nur mal kurz drauf gucken“ – da werden dann schnell 20 Minuten raus, wo an locker 20-30 Seiten hätte lesen können. Die Forest App kannte ich gar nicht, danke für den tollen Tipp.
    Besonders motivierend finde ich Buddy Reads. Wenn ich dann mit bekomme, dass jemand schon 100 Seiten weiter ist als ich, ist der Ansporn direkt höher.

    Liebe Grüße,
    Nicci

  7. Das ist zum Ende hin ein schönes Plädoyer für das Lesen geworden ;) Und natürlich voller guter Tipps wie man mehr Lesen in den Alltag bekommt. Bei mir boomt das Lesen gerade, weil ich einfach nur jeden abend eine Folge Netflix weglasse … macht schon viel aus.

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