[Rezension] Christian Dittloff: „Das weiße Schloss“


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Christian Dittloff / „Das weiße Schloss“
Berlin Verlag, 01.08.2018
Gebunden mit Schutzumschlag, 304 Seiten, 22 €

Inhalt

Sie sind ein glückliches Paar. Ada und Yves haben sich für ein Kind entschieden, doch fürchten sie die Unvereinbarkeit von Liebe, Karriere und Erziehung. Deshalb nehmen sie am Prestigeprojekt des Weißen Schlosses teil, wo Leihmütter Kinder fremder Eltern austragen und aufziehen, alles sozusagen Bio und Fair Trade. Elternschaft ist hier Beruf, überwacht und gelenkt von einem alles kontrollierenden Apparat. Der Nachwuchs kann jederzeit besucht werden. Über neun Monate zeigt der Roman die beiden auf dem Weg zum eigenen Kind, folgt den Veränderungen ihres Selbstbilds und ihrer Beziehung. Im Stile von Kazuo Ishiguros »Alles, was wir geben mussten« stellen sich wichtige Fragen unserer Zeit in eigener Versuchsanordnung: Ab wann ist Bindung ein Verlust von Freiheit? Was ist Familie? Sind die tradierten Rollenbilder von Mutter und Vater verhandelbar?

Meine Meinung

Das Thema Zukunft ist gerade in der Literatur ein sehr spannendes – Autoren und Autorinnen haben die Möglichkeit, gewaltige Zukunftsvisionen zu erschaffen, ihrer Fantasie sozusagen freien Lauf zu lassen und eine Gesellschaft zu zeichnen, die der unseren meilenweit entfernt ist. „Das weiße Schloss“ fühlte sich trotz des dystopischen Einschlags aber überhaupt nicht weit entfernt an, im Gegenteil, hier wird ein Bild einer zukünftigen Welt gezeichnet, die sich so echt und real anfühlt, dass ich das Gefühl hatte, dass es schon morgen auch in „unserer“ Welt genauso aussehen könnte. Christian Dittloff  hinterfragt das Konzept Familie auf eine sehr intelligente und dennoch unterhaltsame Art und Weise – schon lange (wirklich lange!) hat mich ein Buch nicht mehr so sehr zum Nachdenken gebracht.

Ada und Yves verkörpern – zumindest vom Namen her – die uralte Geschichte von der Entstehung der Welt, von Adam und Eva, gleichzeitig stehen sie für zukünftige Beziehungen, für das Bild einer unabhängigen Partnerschaft, die sich keinen Rollenbildern oder anderen gesellschaftlichen Lebensentwürfen, wie wir sie kennen, unterordnet, sondern die ihre Beziehung selbstbestimmt ausleben. Ada arbeitet für ein Amt, das über potentielle Einreisende entscheidet. Sie recherchiert deren Hintergründe und trifft das Urteil, ob der- bzw. diejenige die Gesellschaft fördern würde oder ob die Einreise verweigert werden soll. Yves selbst wurde auf diese Weise ins Land geholt und arbeitet hier nun als Künstler. Viel mehr erfährt man über diese idealistische Welt, in der die beiden leben leider nicht – die Einblicke in Adas Arbeitsalltag empfand ich aber als unglaublich interessant und hätte gerne mehr darüber erfahren.

Um sich ihre Eigenständigkeit zu bewahren, entscheiden Ada und Yves sich für die Familiengründung über das weiße Schloss, eine elitäre Institution, für die man sich bewerben muss, denn nicht jeder entspricht den Ansprüchen dieser Einrichtung. Hier hat man nicht nur die Möglichkeit, das Kind über eine Leihmutter zur Welt zu bringen, das Schloss fungiert vielmehr auch wie eine Art Internat, in der die Kinder unter fachkundiger Aufsicht von ebendiesen Leihmüttern auch aufgezogen werden. Für letztere Variante entscheidet sich das Paar und für die Leihmutter Marie, eine junge, künstlerisch begabte Frau, die noch nicht lange Leihmutter am Schloss ist. Ach, was hätte ich gerne mehr über das Schloss gelesen! Die wenigen Einblicke, die es gab waren unglaublich faszinierend, aber ich hätte alles dafür gegeben, mehr über die Intentionen dahinter zu erfahren, vor allem die der Leihmütter. Was bringt einen zu einer solchen Entscheidung, wie fühlt man sich dabei, ein im Prinzip fremdes Kind auszutragen und zu erziehen, als wäre es das eigene? Ich weiß auch nicht, das Schloss hat eine unglaubliche Anziehungskraft auf mich ausgeübt und es passt nur zu gut, dass es namensgebend für diesen Roman war.

Daneben gibt es noch einige weitere Figuren, die Nachbarn von Ada und Yves zum Beispiel, die ein „Reagenzglas-Kind“ haben oder Adas Schwester Lea, die theoretisch dem Konzept der Familie, wie wir es kennen, noch am ehesten entspricht und deren Überforderung mit den Kindern Ada nur umso mehr davon überzeugt, dass der konventionelle Weg nicht der richtige sein kann und dass die Zukunft einer Familie ganz anders aussehen muss. Das alles und viel mehr umschreibt Christian Dittloff mit einer sprachlichen Intelligenz und Präzision, die den Roman für mich perfekt abrundeten. Eigentlich eine Schande, dass es nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises landete.


Es fällt mir schwer, die passenden Worte zu finden, um meiner Begeisterung für „Das weiße Schloss“ gerecht zu werden, aber ich sage es jetzt einfach mal so platt: Dieses Buch ist wirklich eines der besten Bücher, das ich dieses Jahr gelesen habe. Ein kluger und unglaublich gut geschriebener Roman über die Rolle der Familie und der Liebe und nicht zuletzt der Frage, wie unabhängig wir unser Leben zukünftig gestalten können, ohne auf dem Weg dorthin das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Dieses Buch wirft viele Fragen auf, die für ordentlich Stoff zum Nachdenken und auch Diskutieren sorgen und bekommt von mir eine dringende Leseempfehlung!

Ein Kommentar zu „[Rezension] Christian Dittloff: „Das weiße Schloss“

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