[Rezension] Benedict Wells: „Die Wahrheit über das Lügen“


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Benedict Wells / „Die Wahrheit über das Lügen. Zehn Geschichten“
Diogenes Verlag, 29.08.2018
Gebunden mit Schutzumschlag, 256 Seiten, 22 €

Inhalt

Es geht um alles oder nichts in diesen Geschichten. Sie handeln vom Unglück, frei zu sein, und von einer Frau, die vor eine existenzielle Entscheidung gestellt wird. Von einem Ort, an dem keiner freiwillig ist und der dennoch zur Heimat wird. Von einem erfolglosen Drehbuchautor der Gegenwart, der in das New Hollywood des Jahres 1973 katapultiert wird und nun vier Jahre Zeit hat, die berühmteste Filmidee des 20. Jahrhunderts zu stehlen. Und nicht zuletzt eine Erzählung aus dem Universum von ›Vom Ende der Einsamkeit‹, die Licht auf ein dunkles Familiengeheimnis wirft.

Zehn höchst unterschiedliche Geschichten aus einer Welt, in der Lügen, Träume und Wahrheit ineinanderfließen. Mal berührend, mal komisch, überraschend und oft unvergesslich.

Meine Meinung

Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, Benedict Wells sei mein oder zumindest einer meiner liebsten Autoren, schließlich habe ich bisher gerade einmal ein Buch von ihm gelesen. Dennoch hat Vom Ende der Einsamkeit bereits eine so hohe Erwartungshaltung in mir geschürt und meine Achtung vor seinen Büchern so hochgeschraubt, dass ich an sein neustes Werk mit wirklich großer Neugierde heranging und ein unfassbar hohes Maß anlegte. Ich bin vielleicht niemand, der regelmäßig Kurzgeschichten verschlingt, aber wenn ich zu einer Anthologie greife, dann tue ich das doch immer mit großem Vergnügen. So war es auch hier – dennoch gelang es dem Autor nicht, mich mit jeder seiner zehn in diesem Buch versammelten Geschichten zu überwältigen.

Einen Kurzgeschichtenband zu rezensieren fällt mir stets schwer. Ich kann und möchte nicht auf jede einzelne Geschichte eingehen, will aber trotzdem der Fülle an Ideen und Welten in meiner Besprechung irgendwie gerecht werden. Dabei erwischte mich direkt die erste Kurzgeschichte auf dem völlig falschen Fuß – Die Wanderung konnte mich überhaupt nicht begeistern, weil mir Motiv und Inhalt so einfallslos und auserzählt vorkamen. Ohne übertreiben zu wollen, ich hatte tatsächlich das Gefühl, eine Geschichte dieser Art schon zwei- oder dreimal gelesen zu haben und selbst beim ersten Mal fand ich die Idee nicht originell. Aber wie das manchmal mit einem ersten Eindruck so ist, kann er sich schnell revidieren und so war es auch hier der Fall. Tendenziell hatte ich aber dennoch das Gefühl, dass es von Geschichte zu Geschichte besser wurde. Und wenn eines von Anfang an außergewöhnlich war, dann der Stil und die Sprache von Benedict Wells, die so bewusst und präzise gewählt waren, dass man eigentlich pausenlos mit einem Bleistift Sätze anstreichen konnte.

Ich habe Wells Kurzgeschichten nicht am Stück gelesen – ich bin der Auffassung, dass man das mit einem Kurzgeschichtenband nie so machen sollte, höchstens 1-2 Geschichten hintereinander, weil es so viel zu verarbeiten gibt und so viel, worüber man nachdenken kann. Ich will wie gesagt auch nicht auf alle Geschichten eingehen – einige waren wunderschön, aber nichtsdestotrotz gab es auch einige, die mir zu offensichtlich und plakativ waren, zwar schön be- und geschrieben, aber in ihrer Aussage einfach nicht so tiefgründig, wie ich es mir gewünscht und erwartet hatte. Über zwei Geschichten möchte ich dennoch noch ein paar Worte mehr verlieren, weil sie mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen.

Dazu gehört definitiv Hunderttausend. Ich weiß auch nicht, vielleicht ist sie noch so prägnant in meinem Kopf, weil es die letzte Kurzgeschichte in dem Buch war oder weil sie so familiär und mit Vorwürfen verbunden ist, mit denen ich mich auf eine weit entfernte und sehr abstrakte Weise irgendwie identifizieren konnte – ich weiß es nicht, aber ich würde mir zu dieser Geschichte fast schon einen Roman wünschen, weil sie irgendwie so echt und schwermütig aber doch schön war.

Welche Geschichte mich allerdings am meisten erstaunte, war Das Franchise. Anfangs war ich so genervt von der Geschichte, wollte sie fast schon überspringen, weil ich mich für das Filmbusiness nicht interessiere, die Figuren mir unsympathisch schienen und die Geschichte außerdem auch etwas länger war als die restlichen in diesem Buch versammelten Geschichten. Ich fragte mich, wo der Punkt, die Pointe liegen sollte und war einfach nur genervt. Ich stellte das Buch nach einigen Seiten dieser Geschichte deswegen erstmal zur Seite und nahm es erst eine Woche später wieder auf, wollte schweren Herzens doch die Geschichte beenden, weil es sich einfach nicht gut und richtig angefühlt hätte, einfach eine Geschichte zu überspringen. Ausnahmsweise bin ich froh, dass ich mich durch etwas „gequält“ habe, das mir nicht gleich auf Anhieb gefallen hat, denn schlussendlich ist es meine liebste Geschichte in diesem Band. Ihre Mehrdeutigkeit, Tiefsinnigkeit, ihre Erzählweise haben mich restlos beeindrucken können und ich bin froh, wirklich froh, dass ich weitergelesen habe. Auch wenn ich kein Filmfreak bin und auch wenn das Setting der Story mich nicht direkt angesprochen hat und auch wenn ich nicht sagen kann, woran genau es lag, dass sich meine Meinung so drastisch zum positiven wendete.

Mitreißend und gefühlvoll, vorhersehbar und belanglos – die zehn Kurzgeschichten von Benedict Wells waren eine gute Mischung, in der die faszinierenden Geschichten die weniger eindrucksvollen für mich überwogen. Benedict Wells hat ein unnachahmliches Gespür für das Erzählen, für den richtigen Rhythmus einer Geschichte, hätte für mich aber an der einen oder anderen Stelle doch ein klein wenig innovativer, mutiger sein können. Trotz alledem ist dieser Geschichtenband eine wundervolle Sammlung lebensnaher, aber auch skurriler und teilweise fantastischer Erzählungen, die ich vor allem jenen Lesenden empfehlen würde, die normalerweise von sich behaupten, sie würden keine Kurzgeschichten mögen.

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Zusenden eines Rezensionsexemplars.

 

 

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