[Rezension] Elena Ferrante: „Lästige Liebe“


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Elena Ferrante / „Lästige Liebe“
aus dem Italienischen von Karin Krieger
Suhrkamp Verlag, 02.10.2018
Gebunden mit Schutzumschlag, 206 Seiten, 22 €

Inhalt

Dreimal ruft sie an, sie klingt überdreht und verstört, und eigentlich sollte sie im Zug nach Rom sitzen, unterwegs zu Delia, ihrer Tochter. Wenig später wird ihre halbnackte Leiche an Land gespült. Zur Beerdigung kehrt Delia nach Neapel zurück, in die erstickende, chaotische Heimatstadt, in ihre verhasste Vergangenheit. Und sie bleibt, denn sie muss die Wahrheit wissen: Warum starb ihre Mutter? Und welche Rolle spielt Caserta, ein ehemaliger Freund ihres gewalttätigen Vaters, der plötzlich wieder auftaucht? Er jedenfalls scheint der Letzte zu sein, der die Mutter lebend gesehen hat. Zunehmend verzweifelt läuft Delia durch die Gassen der Stadt und entwirrt Erinnerungen, die sie lange unterdrückt hatte. Noch ahnt sie nicht, wie schutzlos sie sein wird, gegen das schreckliche Geheimnis ihrer eigenen Kindheit …

Meine Meinung

„Vielleicht war an diesen zwei ruhelosen Tagen letztlich nur die Verpflanzung dieser Geschichte von einem Kopf in den anderen wichtig, wie die eines gesunden Organs, das meine Mutter mir aus Liebe überlassen hatte.“

„Lästige Liebe“, S. 159 f.

Es ist komisch, schon vier Bücher einer Autorin gelesen zu haben und dann erst zu ihrem Debüt zu greifen. Eigentlich bin ich eine große Freundin der Chronologie, ich hangle mich sehr gerne von Werk zu Werk in genau der Reihenfolge, in der die Bücher ursprünglich auch erschienen sind, aber nicht immer gelingt es mir und manchmal ist das glaube ich auch ganz gut so. „Lästige Liebe“ hat Elena Ferrante schon vor über 20 Jahren geschrieben – nach dem Erfolg der Neapolitanischen Reihe und dem zugehörigen Ferrante-Fieber hat Suhrkamp allerdings entschlossen, das Debüt nochmal neu übersetzen zu lassen und all die neuen Fans, die erst seit „Meine geniale Freundin“ mit an Bord sind, auch an dem Erstlingswerk der geheimnisvollen Autorin teilhaben zu lassen. 

Wie auch die Neapolitanische Tetralogie spielt auch dieser Roman in Neapel, beginnt allerdings mit einem Todesfall. Delia, die Tochter der verstorbenen Person, die ihre Mutter war, ist Mitte 40 und versucht im Laufe des Romans zu ergründen, wie ihre Mutter genau gestorben ist, was zu ihrem Tod geführt hat. Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich permanent, die Geschichte der Mutter und die der Tochter ebenfalls. Nicht immer fiel es leicht, beides voneinander zu abstrahieren, die Erinnerungen von Delia, wirken oftmals sehr zerbrechlich, die Sprünge in der Zeit sind häufig sehr abrupt und etwas wirr. Und trotzdem ist Ferrantes Sprache und Stil unverkennbar und für einen Debütroman erstaunlich ausgereift. Während zu Beginn noch alles „geordnet“ ist, wird man nach und nach immer intensiver in einen Strudel gezogen – es fällt schwer, auseinander zu halten, ob es um Mutter oder um Tochter geht, was überspitzt und was wahr ist. 

Es schickt sich vielleicht nicht, Vergleiche anzustellen zwischen zwei Büchern, die in einem so großen Zeitabstand veröffentlicht wurden, aber es fällt einfach schwer, die Neapolitanische Saga nicht mit „Lästige Liebe“ zu vergleichen. Während das Bild, das Ferrante von Neapel zeichnet, auch in ihrem ersten Roman schon sehr bildhaft ist, lebt dieser einfach noch nicht richtig. Die Geschichte fokussiert sich wirklich stark auf die Mutter-Tochter-Beziehung und auf die Vergangenheit, die die Protagonistinnen teilen, das gesellschaftliche Leben, das Drumherum wird nicht so stark verarbeitet wie in den doch auch extrem politischen Elena-Lina-Büchern. Das ist jetzt nicht unbedingt eine Kritik, aber der enorme Fokus auf die zwei hat mich teilweise auch ermüdet, es gab keine wirkliche Pause und obwohl der Roman sehr kurz ist, konnte ich nicht viele Seiten am Stück lesen, ich war schnell übersättigt.

Ferrante meidet keine ungemütlichen Themen, widmet sich ihnen mit einer subtilen und dennoch extrem beklemmenden Intensität, ist sprachlich schon in ihrem ersten Roman auf einem sehr hohen Niveau. Dennoch konnte ich nicht so recht Freude finden an dem Buch, ich hatte zwar eine unbehagliche Geschichte erwartet, aber es war mir doch eine Spur zu bedrückend, an manchen Stellen fast schon orientierungslos und ich hatte einige Mühen, allem zu folgen, eins und eins zusammenzuzählen. Zum Schluss muss man besonders aufmerksam lesen, denn viele Fäden finden dort zueinander. Einige Fragen blieben bei mir aber trotzdem noch offen; es ist ein Roman, der mich ein kleines wenig hilflos zurücklässt, weil ich mir nicht sicher bin, alles richtig verstanden und interpretiert zu haben.

Eine Empfehlung gibt es trotzdem, denn wer „Meine geniale Freundin“ und die Folgebände mochte und Ferrantes Erzählstil gut findet, der kommt sicher auch hier auf seine Kosten. Es geht wieder um eine verschwundene Person und um das Aufrollen vergangener Geschehnisse – nur in komprimierterer und noch nicht ganz so ausgereifter Form.

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag, der mir ein Rezensionsexemplar des Romans zur Verfügung gestellt hat.

 

3 Kommentare zu „[Rezension] Elena Ferrante: „Lästige Liebe“

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