[Rezension] Min Jin Lee: „Ein einfaches Leben“


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Min Jin Lee / „Ein einfaches Leben“
aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel
dtv Verlag, 21.09.2018
Gebunden mit Schutzumschlag, 552 Seiten, 24 €

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Inhalt

Sunja, Tochter eines Fischers, wird genau im falschen Moment schwach, genau beim falschen Mann. Um keine Schande über ihre Familie zu bringen, verlässt sie Korea und bringt ihre Söhne Noa und Mozasu fernab der Heimat in Japan zur Welt. Koreanische Einwanderer, selbst in zweiter Generation, leben dort als Menschen zweiter Klasse. Während Sunja sich abzufinden versucht, fordern ihre Söhne ihr Schicksal heraus. Noa studiert an den besten Universitäten und Mozasu zieht es in die Pachinko-Spielhallen der kriminellen Unterwelt der Yakuza.

Meine Meinung

Was für ein Roman! Anders kann ich diese Rezension einfach nicht beginnen, denn „Ein einfaches Leben“ hat mich wirklich komplett mitgenommen, fast schon mitgerissen in das Leben einer koreanischen Familie im Japan des 20. Jahrhunderts. Über diesen Zeitraum begleiten wir vier Generationen, noch beginnend im Korea kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Sunja wird schwanger, heiratet (nicht den Vater des Kindes) und beginnt ein neues Leben mit ihrem Mann in Japan, bringt dort ihre Kinder zur Welt und versucht, sich dort so gut es geht durchzuschlagen und ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Das ist gar nicht so einfach, denn einwandernde Koreaner werden in Japan alles andere als freundlich aufgenommen, leiden stark unter Vorurteilen und Unterdrückung, fühlen aber auch keine Verbindung mehr zum Korea, das nach und nach in zwei Teile bricht.

Der historische Teil ist unstrittig extrem spannend – ich habe zwar schon vor dem Lesen von den Spannungen zwischen Japan und Korea gewusst, aber dem Roman gelingt es, das für mich in den zeitlichen Kontext zu setzen und der Geschichte durch die unterschiedlichen Figuren mit Leben zu füllen. Die Autorin schreibt zwar recht einfach und ohne viel Aufhebens über das Leben der unterschiedlichen Charaktere, dennoch fühlt man sich ihnen sehr schnell verbunden, lernt ihre Kultur kennen und lieben, hinterfragt aber auch die ein oder andere Entscheidung, die getroffen wird. Als ich zu Beginn davon sprach, dass mich dieses Buch mitgerissen hat, meinte ich das wirklich wortwörtlich, denn ich war so neugierig, was den Protagonisten wohl noch widerfahren mag, wie sie weiterhin mit den schwierigen Situationen umgehen, die sich ihnen immer wieder in den Weg stellen. Ich bin normalerweise kein Mensch, der sich in der Mittagspause mit einem Buch hinsetzt, aber dieses schwere Buch habe ich Tag für Tag in meine Tasche gesteckt und auch in den Pausen weitergelesen, weil es mich so faszinierte und ich unbedingt wissen wollte, wie es denn nun weitergeht.

Sie würde ihm nicht glauben, aber sie war wie ihre Eltern, denn ihn ausschließlich als Koreaner zu sehen – ob gut oder schlecht -, war nicht anders, als ihn als schlechten Koreaner zu sehen. Sie sah nicht den Menschen in ihm, und Noa verstand, dass er sich das am allermeisten wünschte: Als Mensch gesehen zu werden.

„Ein einfaches Leben“, Seite 356

Einen wirklich großen Teil in diesem Buch setzt die Autorin sich mit der Diskriminierung der Koreaner in Japan auseinander. Koreaner – selbst wenn sie in Japan geboren wurden – haben nicht die Möglichkeit, die japanische Staatsbürgerschaft zu erhalten, werden herablassend behandelt, ihnen bleibt der Zugang zu bestimmten Berufen komplett verwehrt. Sie werden ohne eine Gerichtsverhandlung inhaftiert und in den Gefängnissen gequält und dann, kurz bevor sie vor dem Tod stehen, wieder freigelassen. Sie können nicht zurück in ihre Heimat, denn Korea ist inzwischen zweigeteilt und hat sich so sehr verändert, dass es für sie kein zu Hause mehr ist – falls es das überhaupt jemals gewesen war. Mich hat das sehr bedrückt und auch wenn ich das Gefühl – zum Glück! – nie am eigenen Leib erfahren musste, habe ich diese innere Zerrissenheit der Figuren auf jeder Seite gespürt und mit ihnen mitgefühlt.

Eigentlich mag ich nichts kritisieren, aber dennoch ist mir beim Lesen aufgefallen, dass der Roman sehr ausschweifend beginnt, Sunjas Geschichte wird anfangs wirklich sehr ausführlich erzählt und im Laufe des Buches nimmt das ab, ich hatte das Gefühl, wirklich nur noch Fragmente zu lesen, als hätte die Autorin es eilig gehabt, das Buch zu einem Ende zu bringen. Möglicherweise war das auch genauso beabsichtigt, aber ich persönlich fand es sehr schade, dass das Erzähltempo teilweise so drastisch zulegte, mehrere Jahre übersprungen wurden und wirklich nur noch einige wenige Figuren und Situationen eine Rolle spielten. Nichtsdestotrotz blieb es komplex und auch sehr spannend, ich habe das Lesen trotz alledem genossen, aber ich hätte mir an einigen Stellen in der zweiten Hälfte des Buches eine so intensive Darstellung und Auseinandersetzung wie es sie in der ersten Hälfte gab gewünscht.

In gewisser Weise war er selbst Japaner, wenn auch nicht in den Augen der Japaner. […] Nicht das Blut allein bestimmte, wer man war.“

„Ein einfaches Leben“, Seite 534 f.

„Ein einfaches Leben“ ist ein Familienepos über den Umgang der Menschen miteinander, über Hass, Liebe, Loyalität und Heimat, es bringt einem die komplexe Politik und Kultur Koreas und Japans näher, schildert Lebensgeschichten und fühlt sich trotz der geografischen Distanz so nahe und aktuell wie kaum ein anderes Buch an. Ein großartiges, facettenreiches Wunderwerk, dem es auf meisterhafte Art gelingt, viele verschiedene Themen aufzugreifen und von vielen unterschiedlichen Figuren zu erzählen, ohne sich darin zu verlieren. 

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