[Rezension] Kristen Roupenian: „Cat Person“


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Kristen Roupenian / „Cat Person“
aus dem Amerikanischen von Nella Beljan, Friederike Schilbach
Blumenbar, 18.01.2019
Gebunden mit ausklappbarem Vorsatz, 288 Seiten, 20 €

Vielen Dank an Aufbau/Blumenbar für das Zusenden eines Rezensionsexemplares!

Inhalt

Mann und Frau. Mutter und Tochter. Freunde und Freundinnen. In zwölf Stories erkundet Kristen Roupenian das Lebensgefühl von Menschen in einer schönen neuen Welt. Fragile Hierarchien und prekäre Lebenssituationen auf der einen, das Bedürfnis nach Sicherheit und Spaß auf der anderen Seite: Alles ist möglich, aber wer sind wir, wenn wir alles sein können? Mit so viel Einsicht in die Wünsche und Ängste des Einzelnen hat man noch nicht über das Zusammenleben in dieser neuen Zeit gelesen – einer Zeit, in der alles greifbar ist, und es doch immer schwerer wird, auch nur das Geringste davon zu erreichen.

Meine Meinung

„Seit er 35 war, konnte Ted beim Sex nur einen hochkriegen und steif bleiben, wenn er sich vorstellte, dass sein Schwanz ein Messer war und die Frau, mit der er gerade schlief, sich daran aufschlitzte.“

Die Short Stories von Kristen Roupenian geben unstreitig viel Stoff zum Diskutieren. Unkomfortabel, verstörend, hitzig. Lakonisch, einzigartig, modern. Realistisch, bizarr, befremdlich. Es gibt tausend Adjektive, die dieses Buch beschreiben würden, es wäre auch überhaupt nicht möglich, das Buch nur in einem Wort beschreiben zu wollen. Was in Amerika einen großen Hype und viel Brimborium ausgelöst hat, hat in Deutschland noch viel mehr das Potential dazu, Debatten anzuregen und Gemüter aufzuheizen, gerade in Zeiten, in denen Sexualität (endlich) ohnehin eine komplett neue Rolle zugestanden wird und Debatten wie #metoo auch wirklich nahezu überall präsent und Gesprächsstoff sind.

Kristen Roupenian stellt unterschiedliche Beziehungen in den Fokus, analysiert diese messerscharf und dennoch ohne zu werten, scheut nicht davor zurück, scheinbar absurde und gut nachvollziehbare Motive in die Herzen der Protagonisten der Kurzgeschichten zu pflanzen. Es gibt romantische Beziehungen, rein sexuelle, gewaltsame, und auch elterliche Beziehungen und eine wichtige Rolle spielen stets die verschiedenen Sexualitäten, die Machtverhältnisse, die inneren Abgründe. Mein Glück war, dass ich diese Stories komplett unvoreingenommen schon vor ET lesen konnte – nicht, dass mich die zahlreichen Stimmen zu dem Buch stören oder beeinflussen würden, aber es war ein besonderes Erlebnis, vollkommen unbefangen – und in meinem Fall fast schon naiv – herangehen zu können. Besonders in aller Munde ist ja die erste Kurzgeschichte – die Geschichte von einem jungen Mann, der in einer dysfunktionalen Beziehung steckt, von einem befreundeten Paar daraus befreit wird, nur um in einer noch dysfunktionaleren Beziehung zu landen. Diese Story ist definitiv eine Bestandsprobe, hat in mir aber eine derartige Neugier geweckt, dass ich meinen eigenen Vorsatz nur eine Story am Tag zu lesen schnell über den Haufen werfen musste.

Ich lese ohnehin recht gerne Kurzgeschichten, was mir an denen von Kristen Roupenian – neben ihrem treffsicheren Stil – besonders gut gefiel, war allerdings die Ungewissheit des Ausgangs, die Kontroversität, das Düstere, das Emotionale, das Rationale. In ihren Geschichten steckte gefühlt alles, eine ganze Bandbreite an Gefühlsmäßigkeiten, an Figuren. Keine Geschichte, keine Figur gleicht der anderen, sie alle sind sich nur einig darin, dass sie in irgendeiner Form beziehungsunfähig sind und dies auf irgendeine Art und Weise zu kompensieren versuchen.

Dennoch ist es schwer, einen ganzen Kurzgeschichtenband in einem Text zu besprechen, natürlich gab es auch Geschichten, mit denen ich mich etwas schwerer getan habe („Nachtläufer“, „Der Junge im Pool“) und andere, von denen ich gar nicht genug bekommen konnte („Cat Person“, „Vernarbt“, „Matchbox Sign“). Je nach Geschichte unterschied sich oft auch die Erzählweise, wurden Anführungszeichen gesetzt oder komplett darauf verzichtet, was mitunter dafür sorgte, dass es nochmal zu einem ganz anderen Leseerlebnis wurde. Kristen Roupenians Figuren sind im Prinzip komplett normal, haben allenfalls absurde Vorlieben oder finden sich in ungewöhnlichen Situationen wieder. Insofern lässt sich definitiv festhalten, dass „Cat Person“ eine Art Psychogramm unserer modernen Gesellschaft ist, nicht umsonst spricht die Washington Post davon, dass in diesen Kurzgeschichten zum ersten Mal die Befindlichkeiten und der Zustand der sogenannten Millennials beschrieben wird.


„Cat Person“ war die erste Kurzgeschichtensammlung, die ich dieses Jahr las und sie hat mich neugierig auf mehr gemacht. Passend für solche, die auf der Suche sind nach Geschichten, die unsere moderne Gesellschaft widerspiegeln, die Denkanstöße geben und nicht zuletzt auch dafür sorgen, dass einem etwas unwohl wird, weil so viel wahres und mögliches drinsteckt. Ein Must Read!


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