Lesen abseits der Hypes? – ein Zwischenstand


Wer in der Buchbranche arbeitet, kommt um die Spiegel Bestsellerliste nicht herum. Woche für Woche zeichnet sie die Bücher aus, die in den vergangenen sieben Tagen besonders häufig gekauft wurden und die dementsprechend auch besonders im Fokus stehen. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich mich viel zu oft und viel zu intensiv ausschließlich mit den Büchern, die darauf gelandet sind, auseinandergesetzt habe – in einem Selbstversuch habe ich probiert, das zu ändern und möchte hier einen ersten Zwischenstand mit euch teilen!
Lesen abseits der Hypes?

Es ist nicht so, dass die Spiegel Bestsellerliste Dreh- und Angelpunkt für die Auswahl meiner Bücher ist. Ich habe kürzlich eher zufällig festgestellt, dass ich immer und immer öfter nur die Bücher lese, die es zu einer gewissen öffentlichen Präsenz gebracht haben und die in den Medien sichtbar geworden sind. Da spielt also nicht nur die Liste an sich eine Rolle, sondern vor allem auch die sozialen Medien und die Werbeaktivitäten, die Verlage in ihre Bücher stecken – man kann es als Multi-Impuls-Konzept bezeichnen, denn viele Werbeimpulse führen einfach dazu, dass ein Buch häufig gesehen wird, im besten Falle eine positive Assoziation weckt und damit der Kaufanreiz größer ist. Auch bei mir werden solche Gedanken ausgelöst – je öfter ich ein Buch sehe, desto interessanter wird es im Normalfall für mich. Was so viele unterschiedliche Leute lesen und dann auch noch für gut befinden, wird für mich somit zur Pflichtlektüre. Und in diesem Kreislauf müssen die Bücher, die eher in die Kategorie C-Prominenz fallen, zurückstecken und bleiben ungeachtet im Regal stehen. Nicht, weil sie plötzlich weniger interessieren würden, aber weil andere Bücher gerade einfach präsenter und scheinbar auch spannender sind und das Problem der begrenzten Zeit habe ja sicherlich auch nicht nur ich.

Dass ich ein Problem mit gehypten Büchern habe, ist mir bewusst geworden, als ich meinen – zugegeben sehr großen – Stapel an offenen Lese- und Rezensionsexemplaren analysiert habe. Da sind nämlich haufenweise Bücher, die für mich super spannend klangen und die ich daher teilweise sogar aktiv angefragt habe und die dann doch auf die Warteliste gesetzt wurden, weil andere Bücher so viel interessanter und „wichtiger“ waren. Um dem ein Ende zu setzen, habe ich mich bewusst mit mir selbst und meinem Leseverhalten auseinandergesetzt und mir vorgenommen, in den kommenden Monaten bewusster zu lesen und darauf zu achten, was ich da in die Hand nehme und aus welcher Intention. Ich habe das alles auch auf Instagram dokumentiert, auf meinem Profil findet ihr ein Highlight mit dem Namen Hypes? in dem ich genau das thematisiert habe. Hier habe ich auch einige Umfragen gestartet – exemplarisch habe ich zum Beispiel folgende Bücher gezeigt und gefragt, wer von diesem Stapel denn schon ein oder mehrere Bücher gelesen hat:

Lesen abseits der Hypes?

Die Antworten waren relativ ernüchternd, denn nur 11% antworteten mit „Ja“, hatten also mindestens eines der Bücher gelesen. Dabei sind das teilweise Bücher, die in großen Verlagshäusern erschienen sind, von denen man also mitunter eigentlich erwarten würde, dass sie zumindest im Kreise buchaffiner Menschen relativ bekannt sind und ihre Leser*innen finden würden. Für mich ist das aber auch gewissermaßen eine Bestätigung dessen, was ich bereits geahnt hatte: Ich bin nicht die einzige, bei der sich die fehlende Präsenz solcher Titel bemerkbar macht. Denn wer sagt denn schon, dass nur die Bücher wahre Perlen sind, die auf die Spiegel Bestsellerliste nach oben klettern oder in jedem dritten Instagram-Posting gefeatured werden?

Vor sechs Wochen startete ich das Experiment also und las im Rahmen dessen einige der Bücher von diesem Stapel – aber nicht nur. Wichtig war mir, mein eigenes Leseverhalten nicht in eine bestimmte Richtung zu drängen, sondern aus eigenem Impuls aber schon bewusst zu einem C-Titel zu greifen und mich überraschen zu lassen.

Disclaimer: Was genau ein C-Titel ist, habe ich persönlich nach eigenem Empfinden entschieden. Für mich fallen in diese Kategorie Bücher, die nicht mal von Verlagsseite wirklich gepusht und beworben werden, Titel, die in meiner Instagram-Bubble selten bis nie auftauchen, obwohl sie relativ zeitnah (in den vergangenen ein bis zwei Jahren) erschienen sind. Natürlich kann und muss jeder selbst für sich entscheiden, welche Bücher er in diese Kategorie fallen lassen möchte, ich habe mich einfach nach meiner eigenen Intuition gerichtet und letztendlich ist dies ja auch kein Projekt, das irgendeiner Kontrolle bedarf. Gelesen habe ich in der Zeit „Eileen“ von Ottessa Moshfegh (zugegeben, das hatte ich schon in der Woche vor Projektstart gelesen, ich zähle es aber mit hinein, weil es gedanklich dazu beigetragen hat, den Prozess überhaupt erst anzustoßen), „Schuldig“ von Kanae Minato, „hell/dunkel“ von Julia Rothenburg, „Und alles wie aus Pappmaché“ von Yannik Han Biao Federer und gerade lese ich „Summer“ von Monica Sabolo. Abgebrochen habe ich „Nur einmal“ von Kathleen Collins, eine Kurzgeschichtensammlung, bei der ich mir noch nicht sicher bin, ob ich sie vielleicht doch nochmal weiterlesen möchte. Mit hineinzählen würde ich aber auch „The Secret of Nightingale Wood“ von Lucy Strange, das ich zwar im englischen Original gelesen habe, dessen deutsche Übersetzung aber definitiv ebenfalls unterpräsentiert ist. Eine kurze Rezension wird dazu im Laufe der nächsten Wochen auch noch auf meinem Instagram-Profil folgen.

Lesen abseits der Hypes?

Kam mir dabei eine Erleuchtung, eine Erkenntnis? Vielleicht. Vor allem habe ich aber zwei Dinge festgestellt: Ich wähle wesentlich gezielter und mehr meinen aktuellen Lesebedürfnissen entsprechend aus, was ich als nächstes lesen möchte und lass mich nicht mehr von dem Gefühl leiten, dass ich ein bestimmtes Buch gerade lesen müsste. Außerdem habe ich auch einen tollen Nebeneffekt festgestellt: Ich lese plötzlich wieder viel mehr. Ob das tatsächlich mit meinem Projekt zu tun hat, vermag ich nicht zu 100 Prozent zu sagen, aber ich habe schon das Gefühl, dass das irgendwie miteinander zusammenhängt und sich gegenseitig beeinflusst. Ich hab die Zahl meiner monatlich gelesenen Bücher im vergangenen Monat verdoppelt und auch diesen Monat habe ich wesentlich mehr gelesen, als ich es sonst tue.

Fragt sich nur, wie es weitergehen soll. Hat dieses Projekt überhaupt ein Ablaufdatum? Oder ist es nicht ein solches, das eigentlich nie vorüber ist und bei dem man daher nie sagen kann, dass es mit positivem oder negativem Ergebnis abgeschlossen ist? Für’s erste möchte ich es auf jeden Fall beibehalten, unbekanntere Bücher bewusster auszuwählen und zu lesen. Ungeachtet dessen möchte ich aber auch Hypes weiter miterleben und mir diese nicht verbieten. Ich finde es toll, dass ich meinen eigenen Lesehorizont gerade erweitere, indem ich den Tunnelblick ablege und mich auch rechts und links von der Spiegel Bestsellerliste umsehe und es fühlt sich unglaublich bereichernd an. Außerdem ist der Leseexemplarstapel immer noch ganz schön hoch – ein paar Wochen habe ich also bestimmt noch damit zu tun…


Wann habt ihr zuletzt ein Buch gelesen, das ihr vorher noch nirgendwo gesehen habt? Und was haltet ihr von der Spiegel Bestsellerliste? Ist sie für euch eine Orientierung oder habt ihr euch ohnehin noch nie bewusst mit ihr auseinandergesetzt?

7 Kommentare zu „Lesen abseits der Hypes? – ein Zwischenstand

  1. Na ja, das Phänomen ist bekannt. Bestsellerlisten sind so eine Art Fänger im Roggen. Wer – und das spielt eine große Rolle – mitreden will, muß sie einfach lesen! BLeibt eh keine Zeit für noch etwas anderes. Zu lesen. Es gibt ja noch gesellschaftliche Ereignisse und Fernsehen und Sport und… Lesen hat mit Verweilen zu tun und das ist nicht eben die Basis unserer Gesellschaft, unseres Lebens. Das heißt, genau, man muß schon bewußt sagen, nein, ich probier mal was anderes, ich will mir meine Meinung nicht vor – mainstreamen lassen, ich guck mal, dabei kommen einem natürlich manche Dinge unter, auf die man gut und gerne hätte verzichten können, Fehltritte sozusagen. Aber das passiert ja auf einer nur der Menge verpflichteten Bestsellerliste auch, man landet da sehr schnell im auch politisch häßlichen Sumpf! Schließlich wissen wir, Millionen Fliegen fressen Scheiße… Lesen hat immer etwas mit Zeit nehmen und Zeit haben zu tun. Ich selbst komme keineswegs dazu, jeden Tag etwas länger, etwas ausführlicher zu lesen. Denn, siehe auch oben, da gibt es so viele Verpflichtungen und hier noch etwas und da noch ein Handgriff… unabwendbar, unaufschiebbar? So wenig wie das Lesen. Zumeist, aber dann wird halt doch das notwendige getan, weil sich das ja auch so gehört… und auf der Strecke bleibt das Buch, das schon lange im Regal steht. Geschweige denn die auch nicht ganz einfache Auswahl. Es gibt ja auch wirklich viel und ständig mehr oder weniger Neues (da bleibt mir nur eine Empfehlung: man versuche es mal mit den Alten. Ja doch, die wortgewaltigen Schriftsteller von früher!). Es gibt Verlage, die tatsächlich ihr Brot mit dem Hinterglemmbachtalkrimi verdienen, weil der ja so ein schönes Lokalkolorit hat. Na ja, auch Schlager sind ja wieder in Mode. Ich werde mir doch mal wieder einen Gartenzwerg besorgen müssen? Und die Massen, die einfach nur schlecht redigierte Übersetzungen überwiegend aus dem Englisch – Amerikanischen auf den Markt werfen, darunter auch Sach- und Jugendbücher. Die gern auch Fehler enthalten dürfen. Nein, man muß und kann schier nicht jeden Bestseller lesen, das tun ja auch die Leute nicht immer, die sie offenbar kaufen!

  2. Hallo,

    hoppla, von den Büchern auf dem ersten Bild habe ich tatsächlich auch noch keines gelesen…

    Wenn ein Buch überall gehypt wird, verliere ich schnell das Interesse, weil ich dann das Gefühl habe, ich habe mich schon sattgelesen, ohne das Buch jemals aufgeschlagen zu haben. Ich orientiere mich auch nicht bewusst an der Spiegel Bestsellerliste.

    Vor kurzem habe ich „Einer von uns schläft“ von Josefine Klougart gelesen und geliebt, und das ist mir auf anderen Blogs bisher höchstens in dem ein oder anderen Neuerscheinungsbeitrag begegnet. Auch im Feuilleton scheint das Buch keine allzu große Resonanz hervorgerufen zu haben, und auf Amazon ist meine bisher die einzige Rezension… Für mich ist es ganz klar ein Buch, das mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

    Meine Rezension:
    https://wordpress.mikkaliest.de/2019/05/31/rezension-josefine-klougart-einer-von-uns-schlaeft/

    LG,
    Mikka

  3. Hi,

    das Phänomen der Hypes ist ja bekannt, aber viele sagen mittlerweile, dass sie sich dem nicht mehr so anschließen wollen, weil sie grade mit diesen Büchern halt doch auf die Nase gefallen sind ^^

    Bestsellerlisten schaue ich mir z. B. überhaupt nicht an, weil sie für mich nichts aussagen.
    Ich schaue hauptsächlich bei den Blogs nach Büchern, die ich regelmäßig besuche und finde da natürlich auch „aktuelle viel gelesene Bücher“ aber eben auch mal was fernab vom Mainstream. Und da sind wirklich oft ganz tolle Geschichten dabei. Die finden leider kaum Leser weil ihnen die Werbung fehlt, deshalb hab ich auch auf meinem Blog die Kategorie „Geheimtipps“ eingerichtet. Bücher, die wenig kennen, die sich aber wirklich zu lesen lohnen
    https://blog4aleshanee.blogspot.com/p/geheimtipps.html

    Das Sammeln von Rezensions/Leseexemplaren finde ich immer nicht so gut. Der Verlag gibt die Bücher an uns Blogger raus weil sie im Gegenzug erwarten, dass wir zeitnah eine Rezension dazu schreiben. Da sollte man dann schon schauen, ob die Bücher einen wirklich interessieren und ob man auch Zeit dafür hat.

    Liebste Grüße, Aleshanee

  4. Ich find es ganz spannend, dass du deine Buchauswahl ganz bewusst hinterfragst! Bist du eigentlich immer noch dran am Projekt? Leider hat der Marketing-Push ja auch viel mit Geld zu tun, was es wieder ungewiss macht, ob das auch mehr Qualität bedeutet. Aber natürlich braucht man in der Fülle an Neuerscheinungen als Leser auch irgendeinen Anhaltspunkt zur Auswahl! Ich persönlich hab nur begrenzte Lesefreizeit und wähle dann nach Interesse am Thema. Zu oft hab ich die Erfahrung gemacht, dass die gehypten Bestseller dann doch nicht unbedingt zu mir passten.
    Viele Grüße, Tala

    1. Hallo liebe Tala, bitte entschuldige meine verspätete Antwort – aus unerklärlichen Gründen wurde Dein Kommentar im Spam-Bereich angezeigt und ich habe ihn eben erst entdeckt.
      Leider bin ich derzeit gar nicht mehr so aktiv dran an meinem Projekt – um nicht zu sagen, ich hab es ganz schön aus den Augen verloren. Derzeit lese ich auch einfach das, worauf ich Lust habe und wähle nicht gezielt unterrepräsentierte Bücher aus. Sicherlich wird es aber auch wieder andere Phasen geben. Und ja, Du hast recht – dieser forcierte Marketing-Push, garniert durch mögliche viele Presseauftritte um den Erscheinungstermin eines Buches, machen den Hype dann perfekt. Umso schöner, dass man die Auswahl seiner Lektüre trotz alledem selbst in der Hand hat und auswählen kann, wonach es einem gerade steht. :)
      Ganz viele liebe Grüße
      Liesa

      1. Danke für deine ausführliche Antwort – du hast recht, am Ende entscheidet man ja selbst, was man lesen möchte :)
        Viele liebe Grüße,
        Tala

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